Wenn die Gemeinde zur Familie wird – neuapostolische Christen in Kambodscha

Kambodscha – das klingt nach Killing Fields, Rote Khmer, Krieg. Dabei ist das Land zwischen Thailand und Vietnam zunehmend bei Touristen beliebt und das zu Recht: ein wundervolles Land mit herzlichen, strebsamen Menschen, sagt Apostel John Sobottka. Er kennt Land und Leute wie kaum ein anderer.

John Sobottka ist Bezirksapostelhelfer und lebt in Kanada. Seit vielen Jahren reist er nach Südostasien, um die Neuapostolische Kirche vor Ort zu betreuen. Sein Fazit aus vielen Jahren Missionsarbeit in einem buddhistisch geprägten Land: „Um Kambodscha verstehen zu wollen, muss man seine jüngere Vergangenheit verstehen.“ Die Menschen dort seien durch die Verhältnisse der 1970er Jahre geprägt worden – bis heute. Damals regierten die Roten Khmer das Land. Eines ihrer politischen Ziele war es, das Land in ein kommunistisches Utopia zu verwandeln, beschreibt der Missionar aus Kanada seine Eindrücke. „Die Menschen wurden aus den Städten vertrieben und kamen stattdessen in Arbeitslager auf dem Land.“ Dort starben sie, wurden umgebracht. Die Killing Fields öffneten ihren Gräber, ein dramatischer Genozid begann – ein Massenmord am eigenen Volk. „Auch in unseren neuapostolischen Gemeinden nehmen wir diesen Teil der jüngeren Geschichte wahr!“, resümiert Bezirksapostelhelfer Sobottka nachdenklich. Etliche Menschen hätten sich nach Thailand in Flüchtlingslager absetzen können. Von dort aus emigrierten viele nach Kanada oder die USA. Zwar hätten die Roten Khmer nur vier Jahre regiert, doch wurde zwischen 1975 bis 1979 das Leben von zwei bis drei Millionen Kambodschaner ausgelöscht – und das bei einer Gesamteinwohnerzahl von acht Millionen!

Ein zweiter Anfang

Heute leben etwa 16 Millionen Menschen im Land. Verglichen mit den Nachbarstaaten ist diese Einwohnerzahl eher gering. Als 1989 die neuapostolische Arbeit im Land begann, erholte sich die Gesellschaft gerade erst von dem schrecklichen Trauma der siebziger Jahre. Praktisch alle Familien beklagten Todesfälle. Doch das Leben in der Gesellschaft startete neu durch. Wirtschaftlich begann es bei null. In dieser Zeit wurde die Kirche für viele ein Hoffnungsanker. In den Gottesdiensten hörten sie von Gottes Liebe in einer lieblosen Welt. Die Gemeinde wurde zu ihrer Familie. „Das macht die Arbeit in Kambodscha so besonders“, sagt der Apostel, „die Suche nach Liebe und Geborgenheit.“ Und er fügt hinzu: „Kambodscha ist ein wundervolles Land. Die Menschen sind warm und offen, herzlich und strebsam.“

Starke Gemeinden im Land

Im 21. Jahrhundert stellt sich das Land neuen Herausforderungen. „Viele Kirchenmitglieder sind von Anfang an dabei, andere sind nach Kanada oder in die USA ausgewandert. Die zweite und dritte Generation sitzt nun in den Gemeinden“, beobachtet der Apostel. Die zunehmende Modernisierung des Landes sei ihr Alltag geworden. Eine gute Ausbildung, ein sicherer Arbeitsplatz bekommen wieder mehr Gewicht und konkurrieren in gewisser Weise mit dem Engagement in den Gemeinden. Immerhin verzeichnet die Neuapostolische Kirche über 165 starke Gemeinden im Land, vornehmlich in den größeren Städten. Zwei junge Apostel und zwei junge Bischöfe kümmern sich um die Gemeinden. „Zwei- bis dreimal im Jahr reise ich ins Land und bleibe dann eine Woche bis zehn Tage“, beschreibt Apostel Sobottka sein Arbeitspensum. Unterstützt wird er dabei auch von Bischof Voeun, der in Kambodscha arbeitet, aber in Kanada zuhause ist.

Dankbarer Blick nach vorn

Rund 80.000 Mitglieder zählt die Neuapostolische Kirche in Kambodscha. „Für ein buddhistisch geprägtes Land ist das viel“, meint der Bezirksapostelhelfer. 540 Amtsträger kümmern sich um die Gemeinden. Immerhin gibt es über 100 feste Kirchengebäude. Christliche Gemeinden, so der Apostel, seien zwar willkommen, allerdings gibt es eine Besonderheit: Wenn in einem Dorf eine christliche Gemeinde gegründet wurde – gleich von welcher Gemeinschaft, dürfe keine weitere entstehen. Außerdem sei es enorm schwer, Land für einen Kirchenbau zu erhalten. „Nicht-Kambodschaner dürfen kein Land kaufen“, heiße es von Regierungsseite. In einer Kirche, die vom Ausland betreut werde, stellt sich das natürlich schwierig dar, äußert der Apostel. „Dennoch werden wir unseren Weg weitergehen!“

Was ihn besonders berühre, sagt Apostel Sobottka auch: „Die Freundschaften, die in den Flüchtlingscamps in Thailand ihren Ursprung nahmen, gelten bis heute. Menschen haben sich vielfach gegenseitig das Leben gerettet. Sie unterstützen sich, waren gegenseitige Helfer in der Not. Und diese Menschen sitzen bis heute in unseren Gemeinden. Das stimmt mich dankbar und hoffnungsfroh.“

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Peter Johanning
7.10.2017
Kambodscha, Gemeindeleben