Sakramente (56): Wie der Abstieg aufstieg

Gott will allen Menschen helfen, Lebenden wie Toten. Diese Überzeugung findet sich schon unter den frühesten Christen. Das bezeugt das biblische Motiv vom Abstieg Christi in die untersten Örter – ein weiterer Anhalt zum neuapostolischen Entschlafenenwesen.

Höllenfahrt, Descensus, Abstieg in die Unterwelt: Die Sache hat viele Namen. Gemeint ist die Vorstellung, dass Jesus zwischen seinem Tod und seiner Auferstehung im Totenreich weilte, um dort Heil zu vermitteln.

Spuren in der Bibel

Biblischer Kronzeuge ist der erste Petrus-Brief: Demnach hat Jesus „gepredigt den Geistern im Gefängnis, die einst ungehorsam waren“ zu Zeiten Noahs. Und so „ist auch den Toten das Evangelium verkündigt“. Das sind aber längst nicht die einzigen Spuren, die der Descensus-Gedanke in der Heiligen Schrift hinterlässt.

Laut Epheser-Brief ist Christus hinabgefahren „in die Tiefen der Erde“ oder in älteren Übersetzungen auch „in die untersten Örter“. Das Matthäus-Evangelium kennt das „Zeichen des Propheten Jona“, wonach „der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein wird“. Und das Johannes-Evangelium spricht von der Stunde, „dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes“. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Älter als das Christentum

Eine Lehre vom Descensus formuliert die Bibel nicht. Es sind nur einzelne Verse, die bei den Angesprochenen antriggern, was sie längst kennen. Denn die Idee der Höllenfahrt ist älter als das Christentum. Die Vorstellung taucht schon bei Jesaja und Hesekiel auf und wird in frühjüdischer Literatur ausgebaut: Da gedenkt Gott der Toten, die in der Grabeserde schlafen, und steigt zu ihnen hinab, „um ihnen die frohe Botschaft seines Heiles zu bringen“.

Frühchristliche Literatur schreibt die Geschichte fort, mit Jesus Christus in der Hauptrolle. Petrus-Evangelium, Nikodemus-Evanglium, Oden Salomons oder Sibyllinisches Orakel nennen sich die apokryphen Werke aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert. Da steigt Christus nicht nur ins Totenreich hinab, um zu predigen, sondern sogar um zu taufen und aus der Unterwelt zu befreien.

In Theologie und Liturgie

Theo-logischer setzen sich zeitgleich die Kirchenlehrer mit dem Thema auseinander: Ignatius von Antiochien, Justin oder Irenäus im zweiten Jahrhundert; Origines, Clemens, Augustinus ab dem vierten Jahrhundert. Ihnen geht es darum, dass Jesus wirklich gestorben ist und den Tod wirklich besiegt hat. Sie wehren sich gegen esoterische Strömungen, die später Gnostizismus heißen.

Die Höllenfahrt wird so wichtig, dass sie in die Gottesdienst-Abläufe einzieht. Spätestens ab 218 macht das Gedenken daran den Hauptteil des bischöflichen Abendmahlgebetes (Anaphora) aus. Das bezeugt die „Traditio Apostolica“, die Mutter aller Kirchenordnungen.

Aufstieg zu höchsten Weihen

Höchste Weihen bekommt der Descensus im vierten Jahrhundert unter anderem in den Synoden von Nicäa und Konstantinopel sowie schließlich mit der Aufnahme ins „Apostolikum“. Das ist bis heute eins der wichtigsten Glaubensbekenntnisse der Christenheit. Es spricht von Jesus Christus als „hinabgestiegen in das Reich des Todes“.

Und dann macht die Höllenfahrt so richtig Karriere sowohl im römischen Westen als auch im orthodoxen Osten der Christenheit: Die Lehre zieht in die Kirchendichtung, die Musik, die Predigt und noch weiter in die Liturgie ein. In der Ikonenmalerei entwickelt sich sogar eine eigene Descensus-Gattung.

Im Osten ein Feiertag

Bis heute ist der Descensus für die Katholische Kirche ein wichtiger Glaubenssatz geblieben. Ihm widmet sich der Weltkatechismus ausführlich in den Abschnitten 632 bis 637. Die evangelischen Kirchen haben hingegen so ihre Probleme damit: „Einige Jahrhunderte kam die Christenheit ohne diesen Glaubenssatz aus“, heißt es in einem ihrer Katechismen mit leicht kritischem Blick auf das Apostolikum.

Ganz anders bei den orthodoxen Kirchen. Hier gehört der Abstieg Christi ins Totenreich zu den zentralen Lehrinhalten überhaupt. Er ist Gegenstand eines jeden Abendmahlsgebets. Und er hat sogar seinen eigenen Feiertag – den Samstag zwischen Karfreitag und Ostersonntag.

Für die Neuapostolische Kirche ist der Descensus ein weiterer Ausgangspunkt für die Praxis im Entschlafenenwesen – neben dem allgemeinen Heilswillen Gottes. „Das Heilshandeln Christi umfasst also auch die Toten“, zieht der Katechismus in Abschnitt 3.4.10 seine Schlüsse: „Seit Jesus das Opfer gebracht hat, ist auch für die Toten Erlösung möglich.“

Sowohl katholische als auch evangelische Theologen sehen eine enge Verbindung der Descensus-Verse im ersten Petrus-Brief mit einem Vers aus dem ersten Korinther-Brief. Dabei geht es um die sogenannte Vikariatstaufe. Was das ist und was das für die Neuapostolische Kirche bedeutet: Darum dreht sich die nächste Folge dieser Serie.


Foto: christiane65 - stock.adobe.com

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Andreas Rother
09.06.2022
Sakramente