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Mit Herz und Verstand für die Kirche gewirkt

19 02 2025

Author: Simon Heiniger

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Sein Glaube, seine Weitsicht und seine Demut machten ihn zu einer prägenden Persönlichkeit der neuapostolischen Geschichte: Stammapostel Hans Urwyler wäre am 20. Februar 100 Jahre alt geworden – ein Rückblick in Dankbarkeit.

Als Anhänger der Reformation wanderten seine Vorfahren gegen Ende des 16. Jahrhunderts von Südfrankreich nach Zürich, Bern und in den Kanton Aargau (Schweiz) aus. Über seinen Großvater Hans Plüss berichtete Hans Urwyler: «Den reformierten Glauben, den Luther und Zwingli predigten, hielt er hoch in Ehren.» 1905 wurde Hans Plüss neuapostolisch und diente später als Bischof.

Gemeinsam mit zwei Brüdern wuchs Hans Urwyler in einer neuapostolischen Familie in Bern, Schweiz auf. Die Werte, die ihn zeitlebens begleiteten – Glaube, Demut und Verantwortungsbewusstsein –, wurden ihm früh vermittelt. Seine Kindheit war geprägt von den Erfahrungen der Weltwirtschaftskrise und später des Zweiten Weltkriegs.

Sein Vater baute sich 1923 in der damals noch jungen Automobilbranche eine Existenz auf und gründete die erste Schule für Automobil-Chauffeure. Beruflich trieb es Hans in dieselbe Richtung. Nach einer vierjährigen Lehrzeit zum Mechaniker besuchte er das Kantonale Technikum in Biel, das er mit dem Diplom des Automobiltechnikers abschloss. In der Folgezeit baute er gemeinsam mit einem Partner eine eigene Firma in der Automobilbranche auf, die er 25 Jahre lang führte.

Nach Bedarf und Kräften

In der Kirchengemeinde engagierte sich Hans Urwyler, wie er es selbst formulierte, «wo es immer nötig und meinen Kräften angemessen war». Schon als Schulkind spielte er Harmonium. Während seiner Ausbildungszeit leitete er als Dirigent den neu gegründeten Chor der Gemeinde Schwarzenburg. Da dort nur drei Mappen für 20 Sänger vorhanden waren, schrieb der junge Dirigent die Lieder von Hand ab.

Im Jahr 1949 heiratete er Hedi Wenger, deren Ehe mit zwei Söhnen gesegnet wurde. Im selben Jahr wurde Urwyler in sein erstes geistliches Amt ordiniert als Unterdiakon. Weitere Amtsstufen folgten, wie zum Beispiel 1966: «Es erfüllte mich mit Sorge, wenn ich daran dachte, nun die Arbeit unseres Ältesten Eberhart ausführen zu müssen».

1969 wurde er als Bischof eingesetzt. Und im Neujahrsgottesdienst 1976 wurde er nicht nur als Apostel ordiniert, sondern auch direkt zum Bezirksapostel für den Arbeitsbereich Schweiz berufen.

Eine Amtszeit des Wandels

Als Stammapostel Ernst Streckeisen am 8. November 1978 im Ausland verstarb, bestimmte die Apostelversammlung zehn Tage später Hans Urwyler zum sechsten Stammapostel. Er übernahm die Leitung der Neuapostolischen Kirche in einer Zeit des Umbruchs. Die westliche Gesellschaft hatte sich in den 1970er Jahren stark verändert – Traditionskirchen verloren an Einfluss, und viele Menschen stellten alte Gewissheiten in Frage. Stammapostel Urwyler begegnete diesen Entwicklungen mit Bedacht und Weitblick. Er stand für eine Kirche, die sich weiterentwickelte, ohne ihre Wurzeln zu verlieren.

Unter ihm wurde das Pfingstfest als Höhepunkt des Kirchenjahres definiert. Für Kinder wurde die Vorsonntagsschule eingeführt. Seit den 1980er Jahren wurden vermehrt Gottesdienste nicht nur mit Ton, sondern auch mit Bild übertragen.

Der Vater der Eigenverantwortung

Der gewichtigste Entwicklungsschritt lässt sich unter dem bekannten Begriff der Eigenverantwortung beschreiben. «Wir können nicht über die Würdigkeit und Unwürdigkeit der Geschwister entscheiden. Vielmehr ist jeder Einzelne für sich selbst verantwortlich», denn «vor Gott gilt kein Ansehen der Person. Vielmehr sollen alle, die das wollen, Erlösung und Ruhe für ihre Seele empfangen». Dies führte zu einem Kulturwandel und zur Liberalisierung in der Kirche.

In den Richtlinien für Geistliche ist heute zu dem Thema zu lesen: «Geistliche haben als Seelsorgende die Eigenverantwortung der Gemeindemitglieder zu achten und jegliche Form der Bevormundung zu vermeiden.» Auch die im Katechismus beschriebene neuapostolische Lehre nimmt diesen Punkt auf und beschreibt, dass Seelsorgende die Eigenverantwortung des Einzelnen nicht nur respektieren, sondern auch fördern sollen.

Ebenfalls setzte Stammapostel Urwyler erste Impulse für den Dialog mit anderen Kirchen. Seine Sicht beschrieb die Neuapostolische Kirche nicht als isolierte Glaubensgemeinschaft, sondern als Teil der weltweiten Christenheit. Auf seine Anregungen hin wurde Kontakt zur Apostolischen Gemeinschaft aufgenommen – der Anfang eines langen und verschlungenen Weges, an dessen Ende die Versöhnungserklärung von 2014 stehen sollte.

Stammapostel Urwyler war nicht nur ein herausragender Kirchenleiter, sondern auch ein besonderer Mensch. Und beides wirkte zusammen. Hier geht es zum zweiten Teil des Artikels.

19 02 2025

Author: Simon Heiniger

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