Simon Leinmann war Jude und wurde neuapostolisch. Er erlitt den Holocaust und überlebte. Über sein Schicksal berichtet der Historiker Dr. Karl-Peter Krauss im Interview.
Wer war Simon Leinmann und was bewog Sie, sich dieses Themas anzunehmen?
Simon Leinmann (1904–1990) war ein liebenswürdiger, ausgeglichener und arbeitsamer Mann. Er lebte in glücklicher Ehe, engagierte sich in seiner Gemeinde. Schon vor Jahren fielen mir Briefe von ihm auf. Er schrieb sie an Stammapostelhelfer Heinrich Franz Schlaphoff. Sie lassen ein schreckliches Schicksal erahnen. Leinmanns Geschichte hat mich von da an nie mehr losgelassen. Ich wollte wissen, ob er die Shoa überlebt hatte.
Erzählen Sie von Leinmanns Schicksal.
Simon Leinmann wurde rund 100 Kilometer westlich der heutigen polnisch-ukrainischen Grenze geboren. Nach der Trennung seiner Eltern und dem frühen Tod seiner Mutter kam er als 18-Jähriger nach Frankfurt an der Oder. 1926 zog er nach Berlin. Dort kam er in Kontakt zu der neuapostolischen Gemeinde Neukölln. Schließlich trat Simon Leinmann in die Neuapostolische Kirche ein.
Warum entschied er sich dazu?
Simon Leinmann hat sich selbst dazu nicht geäußert. Vieles deutet darauf hin, dass er in Berlin fand, was er vermisst hatte: Heimat und eine Kirche, die ihn aufnahm, ohne Vorbehalte. Seine Briefe zeigen, dass er von seinem neuen Glauben überzeugt war. Gesellschaftlich brachte ihm der Eintritt in die Neuapostolische Kirche keine Vorteile.

Wie ging seine Familie damit um, dass er, der Jude, zum Christentum wechselte?
Das führte zu persönlichen Brüchen, ja der Trennung von seiner Herkunftsfamilie. Sein Vater enterbte ihn wegen seiner Konversion und verlangte von ihm, dass er seinen Familiennamen abgab. Seine Schwester Paula spuckte aus tiefer Verachtung vor ihm aus.
Von der Konversion erhofften manche auch Schutz vor Verfolgung…
Christen jüdischer Herkunft waren für die Nationalsozialisten Juden und wurden wie diese ausgegrenzt und verfolgt, bis hin zum Mord.
Wie ging seine Geschichte weiter?
Im Oktober 1938 wurden etwa 17.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit aus dem Deutschen Reich ausgewiesen. Nach seiner Festnahme wurde er in ein Sammellager gebracht. In einem unbeobachteten Moment konnte er telefonieren und rief mit „vor Angst fliegender Stimme“ seinen Bezirksältesten Hermann Luscher an. Dieser eilte mit seiner Tochter Marie Dähns zur Kaserne. Alles Bemühen war vergeblich – es half auch nicht, dass Luscher „mit seinem Krückstock auf uniformierte Soldaten“ losging, die auf Juden einprügelten. Simon Leinmann kam in ein Lager in Dratzigmühle in Polen und wurde später nach Posen verlegt. Als neuapostolischer Christ war er unter den Juden im Lager völlig isoliert. Im Sommer 1939 konnte er kurz nach Berlin reisen. Auf dem Rückweg geriet er direkt in den Krieg, der am 1. September 1939 begonnen hatte. Seine Wertsachen und seine Kleidung wurden geraubt. Nach seiner Aussage auch eine gespendete Schiffskarte von Danzig nach England, in die Freiheit. Er wurde als lebende Barrikade missbraucht, am Bein angeschossen, bewusstlos geschlagen. Seine verzweifelte Frau wurde gezwungen, sich scheiden zu lassen.
Versuchten die Kirchen ihre Mitglieder jüdischer Herkunft zu schützen?
Einen breiten und offenen Widerstand gegen die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten leisteten die Kirchen nicht. Gleichwohl gab es Zeichen christlicher Nächstenliebe sowie Rettungswiderstand. Einzelne Stimmen wandten sich gegen die verbrecherische Judenpolitik. Einzig die sogenannten Quäker (Religious Society of Friends), riefen ihre Mitglieder 1933 dazu auf, allen Verfolgten zu helfen.
Und wie war es in der Neuapostolischen Kirche?
Auch neuapostolische Christen jüdischer Herkunft erlebten Leid, Terror, Vernichtung. Wie verhielt sich die Neuapostolische Kirche gegenüber diesen Verfolgten? Dazu verweise ich auf das Buch „Inszenierte Loyalitäten?“ Hier nur so viel: Auch neuapostolische Christen jüdischer Herkunft erfuhren Rettungswiderstand und andere Formen der Unterstützung durch ihre Kirche. Zurück bleibt dennoch der Schmerz, die Trauer und tiefstes Bedauern, nicht mehr für diese Glaubensgeschwister und für jüdische Mitmenschen getan zu haben.

Wie erlebte Leinmann die Zeit in den Lagern?
Seine Briefe aus den Lagern in Polen zeugen von unendlichem Schmerz und Leid und seiner verzweifelten Suche nach einem Ausweg. Nach dem Kriegsausbruch vegetierte er sechs Jahre in Konzentrations- und Zwangsarbeitslagern. Simon Leinmann hat die Shoa körperlich schwer verletzt und seelisch traumatisiert überlebt. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg hielt er Kontakt zu seinen neuapostolischen Freunden. Die Tochter von Hermann Luscher, Marie Dähns, erwirkte für den seit 1948 in den USA Lebenden eine finanzielle Wiedergutmachung.
Weshalb war es Ihnen ein so großes Anliegen, Leinmanns Geschichte zu recherchieren?
Es war mein Ziel, den Lebensweg dieses Menschen und Glaubensbruders zu rekonstruieren, um ihm damit etwas von seiner Würde und Identität wiederzugeben und ihn dem Vergessen zu entreißen.
Das Schicksal von Simon Leinmann wird ausführlich in dem Buch „Dem Vergessen entrissen“ von Karl-Peter Krauss beschrieben.

Dr. Karl-Peter Krauss (geb. 1955) ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Geschichte der Neuapostolischen Kirchen“. Er studierte in Tübingen und promovierte zu einem historisch-geografischen Thema. Seine Bücher zur Kirchengeschichte finden viel Anerkennung auch unter Kritikern. Bis zu seiner Ruhesetzung im Jahr 2021 war er Gemeindevorsteher in der Gebietskirche Süddeutschland.