Da zeigt sich der Retter der Welt. Und kaum einer merkt es. Das Einzige, worüber man sich wundert: warum der Wein plötzlich so gut schmeckt – ein Ereignis voller Gehalt.
So was aber auch: Die Stimmung ist gut. Und auf einmal sitzt die Festgesellschaft auf dem Trockenen. Der Wein geht aus. Kann ja schon mal passieren, wenn so eine Hochzeit an die sieben Tage dauert und täglich neue Gäste kommen können. Peinlich ist es trotzdem.
Eine Mutter, selbst Gast, stupst ihren Sohn an. Aber der sagt: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Dann macht er den Kellnern doch noch mächtig Arbeit: Wasser sollen sie schöpfen, so um die 500 bis 700 Liter, in die Steinkrüge, die sonst der „Reinigung nach jüdischer Sitte“ dienen. Wasser rein und raus kommt Wein.
Der beste Wein des ganzen Festes, sehr zur Verwunderung des Oberkellners. Evangelist Johannes indes, der seine Episode gerne aufs Ende hin zuspitzt, sieht ein anderes Wunder: „Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat. Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit.“
Aber Moment bitte, was für ein Zeichen? Und welche Herrlichkeit?
Wenn der Wein mehr erzählt
Gott wird „allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein“, schreibt Jesaja in seiner Apokalypse: „Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen.“
Wenn Jesus hier der Gesellschaft den besten, den reinen Wein einschenkt, dann ist das ein klares Signal – frei nach der Devise: „Hallo, ich bin’s, der Messias, der Erlöser der Menschheit. Mit mir beginnt ein neues Zeitalter.“
Und die Herrlichkeit? Ja, da steckt noch viel mehr drin.
Wenn die Bibel von Herrlichkeit spricht
Wenn Johannes von „Herrlichkeit“ spricht, meint er nicht Glanz und Gloria. Das griechische Wort doxa bezeichnet vielmehr die Offenbarung der göttlichen Wirklichkeit. Es greift einen alten biblischen Begriff auf: das hebräische kabod – Gottes wirksame, erfahrbare Gegenwart. Diese Herrlichkeit zeigt sich nicht nur einmal. Sie zieht sich durch die ganze Bibel – in immer neuen Bildern.
Die Wolke – Gott ist nahe: Im Tempel Salomos, über der Stiftshütte oder als Säule im Sinai, sie zeigen: Gott ist gegenwärtig. Das ist sein Wesen, sein Name: „Ich bin da“, sagt er sich bei Moses Begegnung mit dem Feuerbuch. Auch heute noch lässt sich Gott spürbar erleben – im Hören, im Lieben, im Mitgehen, im Getragenwerden.
Der Wein – Gott verwandelt: Wasser wird zu Wein. Kein Trommelwirbel, kein Paukenschlag, sondern ein leises Zeichen. Jesu Herrlichkeit zeigt sich nicht im Spektakel, sondern in der stillen, stetigen Verwandlung: Aus Mangel wird Fülle, Altes wächst zu Neuem und Kaputtes erlebt Heilung.
Das Kreuz – Gott liebt bis zum Ende: „Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn“, sagt Jesus in seinem Abschiedsgebet. Der Höhepunkt der Offenbarung Gottes ist die Liebe, die sich selbst verschenkt – in aller Konsequenz. Nirgendwo zeigt sich sein Wesen klarer: spürbar bis in alle Ewigkeit.
Die Stadt aus Licht – Gott vollendet: Eine Stadt, die kein Sonnenlicht braucht. „Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie.“ Das neue Jerusalem, die neue Schöpfung, die ewige Herrlichkeit – Gott wohnt bei den Menschen, alles ist heil. Denn er „wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein“.
Um diese Herrlichkeit geht es in jedem Gottesdienst, wenn die Gemeinde am Ende des Vaterunsers betet: „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ Diese Doxologie ist mehr als ein Bekenntnis – sie ist eine Bitte: „Gott, lass uns leben in dem, was dir wichtig ist, getragen von deinem Wirken und umgeben von deiner Nähe.“
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