Menschen fangen? Das klingt nach Endgericht und nicht nach Evangelium. Doch ein genauer Blick auf die Worte Jesu zeigt: Da ist ein Aufruf an Lebensretter.
Ein See so groß wie eine Stadt: Was friedlich glitzert, kann binnen Minuten kippen. Kalte Fallwinde stürzen sich in die Schale zwischen den Hügeln. Dann bauen sich die Wellen auf und das Wasser wird richtig rau. Kein Wunder, dass man den See Gennesaret auch das Galiläische Meer nennt, ein Meer unter dem Meerespiegel.
Ein Mann, Anfang 30, geht am Ufer entlang. Sieht Fischer bei der Arbeit, spricht sie an und sagt: „Ich will euch zu Menschenfischern machen!“ – Das klingt heute schon komisch, irgendwie nach dem Aufruf zu ködern, zu überlisten, einzufangen, auszubeuten.
Und für Juden in den Jahren kurz vor der Zeitenwende klingt es fast schon gruselig. Denn so eine gewisse Art Menschenfischer kennen sie aus den Schriftrollen der Propheten der Sorte Jeremia, Amos und Co. Dort sind sie als Vollstrecker des Endgerichtes unterwegs, fangen alles Böse, das an Haken weggeführt.
Wenn „fangen“ Leben heißt
Doch Jesus von Nazareth, der hier gerade seine ersten vier Jünger, zwei Brüderpaare, an Bord holt, meint etwas anderes. Das zeigt sich in einer ähnlichen Aussage zu einer anderen Gelegenheit: „Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen“, sagt er nach dem erst kargen und dann überreichen Fischzug.
Doch eigentlich müsste es heißen: „Von nun an wirst du Menschen lebendig fangen.“ Denn die Bibel benutzt hier nicht das normale Wort von fangen oder fischen, sondern zōgréō. Und das heißt so viel wie lebendig fangen oder am Leben halten. Es geht hier also nicht um den Tod, sondern um das Leben. Die Jünger sollen Menschen für das ewige Leben gewinnen. Und heute gilt dieser Aufruf allen Christen.
Den Fachleuten abgeschaut
Und wie machen das die Fachleute so? Fischer warten nicht am Ufer, dass die Fische zu ihnen kommen. Sie wissen und gehen dahin, wo die Fische gerade sind. Und so bleiben auch Christen nicht unter sich. Glaube passiert im Alltag: in der Schule, in der Arbeit, im Freundeskreis.
Fischer brauchen Geduld. Nicht jeder Wurf ist ein Volltreffer, manchmal passiert lange gar nichts. Und dann wieder ist das Netz voll. Deshalb geben Christen nicht so leicht auf und vertrauen voll auf Gott – dem sie am Ende allen Erfolg verdanken.
Fischer arbeiten zusammen. Sie teilen sich die Aufgabe, sie helfen sich in der Not, sie vertrauen sich gegenseitig und lernen voneinander. Deshalb sind auch Christen nicht als Einzelkämpfer unterwegs, sondern als Gemeinde. Glaubwürdig wird Glaube am stärksten, wenn er eine ganze Gemeinschaft prägt.
Unscheinbar – aber unverzichtbar
Halieús ist das griechische Wort für Fischer – wörtlich übersetzt: „Person des Meeres“. Oder wenn man so will auch „Person des Salzes“. Denn Meer und Salz sind gedanklich so eng miteinander verwoben, dass sich beides ein einziges Wort teilen: háls.
Wenn Jesus also von den Menschenfischer spricht, da schwingt auch das „Salz“ mit. Und war da nicht noch etwas? Ja, genau: „Ihr seid das Salz der Erde“, sagt Jesus zu seinen Jüngern im Dort und Damals sowie Hier und Heute.
Und was macht Salz so? Es würzt das Leben. Es bewahrt vor Verderben. Es reinigt und heilt. Es lässt Eis schmelzen. – Niemand sieht das Salz. Aber jeder merkt, wenn es fehlt. Christen müssen nicht laut sein, nicht perfekt und auch nicht Mittelpunkt. Sie müssen nur da sein – da, wo man sie braucht.
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