Gründonnerstag: Abendmahl, Karfreitag: Kreuzigung, Ostersonntag: Auferstehung –jeder Tag markiert einen Höhepunkt der Passionsgeschichte. Doch was ist mit dem Karsamstag?
Josef von Arimathäa und Nikodemus hatten Jesus noch am Freitag vor Beginn des Sabbats begraben. Alles geschah in Eile, denn der Sabbat stand unmittelbar bevor. Danach schien menschlich gesehen alles abgeschlossen: der Leichnam im Grab, der Stein davor, die Stille des Sabbats. Mehr noch: Das Grab wurde versiegelt, bewacht und abgesichert. Alles sollte endgültig sein. Gerade darin liegt die eigentümliche Spannung des Karsamstags: Menschen können den Tod absichern — aber Gottes Handeln nicht verhindern.
Gottes scheinbare Abwesenheit
Für die Jünger muss dieser Tag kaum auszuhalten gewesen sein. Sie hatten Jesus persönlich und unmittelbar erlebt, seine Nähe, seine Worte, seine Macht. Und nun scheint all das wie ausgelöscht. Das Neue Testament berichtet von zahlreichen Zeichen Jesu: vom Stillen des Sturms, von Speisungswundern, Heilungen bis hin zu Totenerweckungen. Die vielfältige Bezeugung seiner Macht scheint wie weggewischt.
Angst, Rückzug und Ratlosigkeit bestimmen die Szene. Gerade am Sabbat, dem Tag, der an Gottes Größe als Schöpfer und Befreier erinnert, erleben sie nicht seine offenkundige Nähe, sondern seine scheinbare Abwesenheit. Der Karsamstag ist deshalb nicht nur ein Tag äußerer Stille, sondern auch ein Tag innerer Erschütterung: ein Tag, an dem der Glaube keinen Halt mehr zu finden scheint und doch nicht aufhören kann, nach Gott zu fragen.
Gottes Handeln lässt sich nicht verhindern
Und doch: Karsamstag ist nicht einfach ein leerer Tag. Der neuapostolische Katechismus nimmt dies im zweiten Glaubensartikel ausdrücklich auf, wenn zwischen Begräbnis und Auferstehung bekannt wird, dass Christus in das Reich des Todes eingegangen ist. Dieser Teil des Ostergeschehens erscheint heute vielen Christen fremd. Unvorstellbar – und doch Realität: Es gibt keinen Ort, an den die Macht Gottes nicht hinreicht. Selbst das Reich des Todes ist nicht außerhalb seines Zugriffs.
Der Katechismus verbindet dieses Bekenntnis mit 1. Petrus 3 und 1. Petrus 4 und hält fest: Das Heilshandeln Christi umfasst auch die Toten. Besonders stark ist dabei ein Jesuswort selbst:„Die Stunde kommt, und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören werden, die werden leben.“
So wird Karsamstag mehr als das Warten auf Ostern: Er ist der Tag, an dem Christus das Leben auch dort berührt, wo es zu Ende scheint. Jesus Christus hat die Schlüssel des Todes und des Totenreichs; sein Eingang in das Reich des Todes ist kein Zeichen der Ohnmacht, sondern der Triumph des Siegers von Golgatha.
„Bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da“: Psalm 139 fasst in ein Bild, was Karsamstag ahnen lässt. Selbst das Reich des Todes ist kein gottverlassener Raum. Wo der Mensch nur noch Ende sieht, reicht Gottes Gegenwart tiefer.
Karsamstag heute
Damit spricht der Karsamstag auch in die Gegenwart hinein. Es gibt Erfahrungen, die Menschen als „Hölle auf Erden“ empfinden: Leid, Verlust, Angst, Sprachlosigkeit, die scheinbare Ferne Gottes. Karsamstag verkürzt diese Dunkelheit nicht. Er lässt das Schweigen stehen. Hier hat statt Osterjubel der verzweifelte, oft stumme Schrei nach Gottes Offenbarung seinen Platz.
Gerade darin liegt sein Trost: Wer Gottes Nähe nicht spürt, ist ihr dennoch nicht entzogen. Wer nur noch warten, klagen oder schweigen kann, steht nicht außerhalb von Gottes Hand. Karsamstag zeigt: Nicht Stillstand, sondern Heilshandeln – auch dann, wenn der Mensch es noch nicht sieht.
Und ja: Ostern kommt gewiss. So wird, was am Karsamstag noch verborgen bleibt, an Ostern sichtbar: die Wende aus dem Tod und der Anfang von Gottes Neuschöpfung.