Ein Seelsorgegespräch mit Jesus, ohne schnelle Lösung. Wo Fragen ohne Scham genug Raum haben, kann Glaube wachsen – oft im Verborgenen, manchmal erst nach langer Zeit.
Nikodemus sucht Jesus nicht dort auf, wo die Menge zuhört. Er kommt nachts. Nicht, um Jesus zu prüfen – sondern um sich selbst nicht preiszugeben. Er ist ein angesehener Lehrer Israels. Einer, der weiß, wie man glaubt. Einer, der weiß, wie man redet. Und vor allem: einer, der weiß, wie Pharisäer und Schriftgelehrte über Jesus denken.
Behutsame Suche
Trotzdem geht er hin. Zu dem, den er als von Gott gesandt erkennt – und der ihn gleichzeitig verunsichert. Denn manche Fragen brauchen Schutz. Einen Ort, an dem man sagen darf: Ich verstehe es nicht.
Die Nacht wird genau dieser Ort:
- Hier zählt nicht, wie sicher man klingt, sondern dass man ehrlich fragen darf.
- Hier muss Verstehen nicht sofort gelingen – und niemand macht daraus ein Urteil.

Wer kennt solche Nächte nicht? Fragen, die man nicht laut stellt, weil man selbst noch keine Sprache dafür hat. Weil man sich ertappt fühlt. Weil man denkt: Das müsste ich doch längst wissen.
Den passenden Ort dafür findet Nikodemus bei Jesus: einen sicheren Raum für Zweifel, Offenheit für Fragen – und Respekt für die eigene Perspektive.
Beziehung statt Belehrung
Jesus reagiert nicht mit Distanz, obwohl der Zeitpunkt des Besuchs durchaus Zurückhaltung nahelegen könnte. Er stellt Nikodemus nicht bloß. Er nutzt den Moment nicht, um einen Gelehrten zu widerlegen. Er nimmt ihn ernst.
Nikodemus beginnt höflich, fast formell, tastet sich vor. Doch Jesus bleibt nicht an der Oberfläche. Er führt das Gespräch zum Innersten – zur Grundlage des Lebens. Es reicht nicht, über Gott Bescheid zu wissen. Entscheidend ist, in Beziehung zu ihm zu treten.
Dabei gibt Jesus dem Nikodemus kein Paket fertiger Antworten. Er öffnet einen Horizont. Er spricht von einem neuen Anfang, von Leben aus dem Geist, von einem Glauben, der nicht aus Kontrolle entsteht, sondern aus Vertrauen. Und er spricht so, dass Nikodemus mitdenken darf – auch wenn er (noch) nicht mitkommt.
Nikodemus wird nicht gedrängt. Aber Jesus begegnet ihm mit Klarheit und Respekt. Er setzt Impulse, stellt Fragen, lässt Raum. Dies wirkt weiter als das Gespräch selbst.
Auf den ersten Blick bleibt alles ohne greifbares Resultat. Nikodemus lässt nicht wie andere sein bisheriges Leben hinter sich – und folgt Jesus nicht direkt nach. Zunächst bleibt es bei einem Gespräch: eine Kontaktaufnahme. Ein vorsichtiges Herantasten – und ein erstes Testen.
Wenn das Bekennen noch leise bleibt
Nikodemus verschwindet nach dem nächtlichen Gespräch jedoch nicht einfach aus der Geschichte. Zwar bleibt es zunächst ruhig um ihn. Keine klare Entscheidung, kein öffentliches Bekenntnis. Kein „das Netz hinlegen und Jesus nachfolgen“.
Und dennoch: Es arbeitet in ihm. Veränderung braucht Zeit. Die Erzählung im Johannes-Evangelium springt von der frühen Phase des Wirkens Jesu bis zum Laubhüttenfest – Monate, vielleicht Jahre später.
Als Nikodemus wieder auftaucht, geht es nicht mehr um ein persönliches Gespräch, sondern um ein Urteil. Mitten unter denen, die über Jesus zu Gericht sitzen, bleibt er vorsichtig. Er erinnert an Fairness, an Recht und an das korrekte Vorgehen in solchen Fällen. Es ist kein mutiger Auftritt, er wird nicht zum feurigen Verteidiger Jesu. Aber es ist ein weiterer Schritt – und ein sichtbares Echo des nächtlichen Gesprächs. Nikodemus denkt anders. Er argumentiert anders. Sein Glaube bleibt suchend – aber nicht folgenlos.

Oft werden große Veränderungen erwartet. Vom „Saulus zum Paulus“ sucht die Kehrtwende. Aber oft geschieht Veränderung zunächst mit kleinen Verschiebungen: im Tonfall, in der Haltung, im Respektieren anderer Perspektiven. Seelsorge wirkt nicht immer sichtbar. Aber sie kann Spuren hinterlassen – leise, beharrlich, nachhaltig.
Königliche Ehren – wenn Glaube sichtbar wird
Während die Jünger sich aus Angst zurückziehen, treten Nikodemus und Josef von Arimathäa hervor. Nicht mit Worten, sondern mit einer Tat, die sichtbar macht, was im Verborgenen gereift ist. Gemeinsam sorgen sie für die Bestattung Jesu.
Nikodemus bringt Myrrhe und Aloe in ungewöhnlich großer Menge mit. Das ist keine kleine Geste – das ist eine Bestattung mit besonderer Sorgfalt und Ehrerbietung. Was einst mit Fragen begann, findet hier eine Form, die keiner Erklärung mehr bedarf. Kein Wort, kein Bekenntnis, keine Rechtfertigung. Nur eine Tat.

Es ist auffällig: Nikodemus wird nicht zum Prediger. Er hält keine Rede. Er wird auch nicht als späterer Apostel das Evangelium in alle Welt tragen. Sein Glaube zeigt sich anders – ruhig, würdevoll, entschlossen. Dort, wo es nichts mehr zu gewinnen gibt.
Der Weg aus der Nacht führt nicht auf eine Bühne, sondern an ein Grab. Und genau dort wird sichtbar, was in den Gesprächen gewachsen ist – über Monate, vielleicht Jahre hinweg.
Nikodemus erinnert daran, dass Glaube nicht immer laut wird. Aber er wird konkret.
Und dass Glaube Beziehung braucht: einen Raum, in dem Ehrlichkeit wohnt. Seelsorge hält diesen Raum offen – auch dann, wenn das Ergebnis noch auf sich warten lässt. Wachstum geschieht oft leise und langsam, manchmal fast unbemerkt. Aber es findet seinen Weg:
«Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie.»
Markus 4, 26-27
Foto: KI-generiert