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Noise-Cancelling für die Seele

20 02 2026

Author: Andreas Rother

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Der Countdown läuft – auf Ostern – seit dieser Woche. Und viele Christen bereiten sich mit Fasten vor. Was Jesus wirklich wollte und was Herz, Hand und Hirn jetzt lernen können.

Passionszeit, vorösterliche Bußzeit, die große Fastenzeit: So bezeichnen evangelische, katholische und orthodoxe Christen die gerade angebrochene Phase. Gemeint sind die 40 Tage vor Ostern.

Die Zahl haben sie aus der Bibel geborgt: So viele Jahre wanderte das Volk Israel durch die Wüste, so viele Tage regnet die Sintflut. So lange war Mose auf dem Berg Sinai, ging Elia zum Berg Horeb und blieb Jesus in der Wüste. Und alle drei fasteten dabei. 

Bekannt in vielen Religionen

Das Fasten kennen seit Jahrtausenden viele Religionen – mit ganz unterschiedlichen Beweggründen. Die einen verzichten, um Dämonen auszutreiben, die anderen, um sich auf eine Gottesbegegnung vorzubereiten. Manche wollen ein gutes Werk tun an Mitmenschen, andere möchten Gott ein Geschenk machen. Mal ist es Ausdruck von Trauer, mal Zeichen der Buße.

Das findet man auch in der Bibel: Wenn die Leute von Ninive Buße tun oder David um seinen Freund Jonatan trauert. Wenn die alttestamentliche Hanna sich aufmacht zum Heiligtum nach Silo oder die neutestamentliche Hanna Gott dient im Tempel. Und wenn Saulus sich vorbereitet auf seine Taufe. Doch wie kommt es dann, dass Jesus Christus das Fasten scheinbar ablehnt?

Wie Fasten wirklich funktioniert

Als „Fresser und Weinsäufer“ wird Jesus beschimpft. „Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, aber deine Jünger fasten nicht?“ Seine Antwort: „Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.“ Soll heißen: Die Gegenwart Christi auf Erden ist Grund zum Feiern, nicht zum Fasten.

Aber: „Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen genommen ist; dann werden sie fasten.“ Doch Fasten ohne Buße, ohne den Willen zu Veränderung, das taugt für Jesus nichts. Das macht er in Matthäus 6,16–18 deutlich: „Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.“ Und: „Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, damit du dich nicht vor den Leuten zeigst mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, der im Verborgenen ist.“

Alles andere als Askese

Fasten, das ist kein großes Thema in den Apostelbriefen und in der frühen Kirche. Ganz im Gegenteil: Je weiter das Christentum sich ausbreitet im Römischen Reich – das nicht gerade bekannt ist für seinen asketischen Lebenswandel – umso weniger spielt das eine Rolle. 

Erst im dritten Jahrhundert gewinnt das Fasten wieder an Bedeutung – und zwar für die Karwoche als der Vorbereitung auf die Taufe, die immer öfter an Ostern stattfindet. Daraus erwächst bis zum fünften Jahrhundert die 40-tägige Fastenzeit. Gegen die dann in Äußerlichkeiten erstarrte Praxis wenden sich Reformatoren im frühen 16. Jahrhundert.

Praktiziert wird das Osterfasten heute von Gläubigen vieler Konfessionen. Zum Teil strenge Vorschriften kennt der Katholizismus und die Orthodoxie. Die Neuapostolische Kirche hat keine Regelungen zum Fasten zu bestimmten Tagen oder Anlässen – und steht damit in der Tradition der Reformation. Ob der Einzelne fastet oder nicht, ist seinem persönlichen Ermessen überlassen.

Die Freiheit zur Besinnung

Fasten lässt sich heute auf vielfältige Weise, die dazu beitragen, sich freizumachen von unguten Gewohnheiten, sich auf Wesentliches zu besinnen und dabei im besten Falle noch dem Nächsten zu dienen. Nur ein paar Beispiele:

  • Das Fasten der Augen: Das Smartphone oder Tablet mal weniger in die Hand nehmen, sich dem Endlos-Scrollen-Dopamin-Schüben entziehen. 
  • Das Fasten des Mundes: Muss ich zu allem meinen Senf dazu geben? Tut es mir selbst nicht gut, weniger zu schimpfen, zu meckern und zu klagen?
  • Das Fasten der Zunge: Nicht immer Recht behalten wollen, nicht immer das letzte Wort haben, auch mal – das eigene – Schweigen aushalten.
  • Das Fasten der Ohren: Sich an bestimmten Gesprächen nicht mehr beteiligen – Klatsch, Tratsch und Lästern einfach sein lassen.
  • Das Fasten des Herzens: Weniger ärgern, mehr freuen; weniger empören, mehr verstehen; weniger urteilen, mehr lieben.
  • Das Fasten der Füße: sich fernhalten von Orten oder Menschen, die nicht guttun; zur Ruhe kommen statt umherhetzen.
  • Das Fasten der Hände: loslassen von haben und behalten wollen; weniger nehmen, mehr geben.

Fasten heißt nicht weniger Leben, sondern mehr Freiheit: Selbststeuerung vertreibt die Getriebenheit. Reizüberflutung weicht der Ruhe. Emotionen flauen ab. Beziehungen gewinnen an Tiefe, weil weniger Ego, weniger Empörung und weniger Lärm zwischen den Menschen stehen. 

Und dann ist da viel mehr Raum, um die Stimme Gottes zu hören – und zu verstehen.


Foto: Наталья Добровольска – stock.adobe.com

20 02 2026

Author: Andreas Rother

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