Eigentlich ging es um Machtpolitik. Doch dann kam einer und hat das Bild vollkommen auf den Kopf gestellt: der, der selbst zur Antwort auf die Fragen des Lebens wird.
Etwas romantisch verklärt wabert das biblische Bild vom Hirten durchs Hirn – vor Augen vielleicht noch der Titelkopf des „Guten Hirten“ von früher. Dabei kommt dieses Motiv ganz woanders her: „Hammurabi, der Hirte, bin ich, der starke König“, lässt der babylonische Herrscher in Stein meißeln – runde 1800 Jahre vor Christus.
Das Alte Testament nimmt das Leitbild auf und malt es neu: „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden!“, kritisiert Prophet Hesekiel die Elite des Volkes. Und übermittelt die Verheißung Gottes: „Ich selbst will meine Schafe weiden.“ So besingt Psalm 23,1: „Der Herr ist mein Hirte …“ Und Jesus macht klar: „Ich bin der gute Hirte.“
Was macht so ein Hirte überhaupt? Er führt, versorgt und beschützt – sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Doch es gibt entscheidende Unterschiede.
Persönlich wegweisend
Der Hirte lenkt die Herde. „Er führet mich auf rechter Straße“, bekennt Psalm 23,3. Und tatsächlich zeigt Gott den Israeliten, wo es langgeht: „Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.“
Auch Jesus weiß zu leiten: „Meine Schafe hören meine Stimme … und sie folgen mir“, bleibt er im Hirtenbild. Doch er geht noch einen riesigen Schritt weiter: „Ich bin der Weg.“ Und so öffnet sich der Zugang zu Gott erst über die Beziehung zu Christus.
Mehr als genug
Der Hirte versorgt die Herde. „Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser“, feiert Psalm 23,2. In der Tat: Den Israeliten in der Wüste lässt Gott das Manna regnen, Himmelsbrot, wie Tau. Und dem Felsen entspringt eine Quelle.
Auch Jesus macht aus Wenigem ein Mehr-als-Genug – die Brotvermehrung bei der Speisung der 5000. Doch auch hier geht das Neue weit über das Alte hinaus. Jesus reicht nicht nur Brot zum Leben: „Ich bin das Brot des Lebens.“ Und so lebt der Glaube nicht mehr von Gaben, sondern von der Gemeinschaft mit Christus.
Rettung, die alles kostet
Der Hirte schützt die Herde. „Dein Stecken und Stab trösten mich“, bezeugt Psalm 23,4. Und dieser Stecken, hebräisch schevet, ist eine Waffe vom Typ Keule oder Knüppel. In diesem Sinne haut Gott dann auch dazwischen, als das Volk Israel in der Zwickmühle steckt – das Schilfmeer auf der einen Seite, Ägyptens Armee auf der anderen.
Und wieder geht Jesus weit darüber hinaus. Er schützt nicht nur von außen, er stellt sich selbst dazwischen. Wo die Macht des Todes sich gegen den Menschen richtet, springt er selbst in die Bresche: „Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“
Durch alles hindurch
Darin liegt der Trost bis heute: Wer glaubt, ist zwar nicht vor Allem bewahrt, aber in Allem bewahrt. Denn am Ende führt Jesus seine Herde aus aller Bedrohung heraus – in eine Wirklichkeit ganz ohne Bedrohung. Was hier als Schutz beginnt, vollendet sich dort als ewige Geborgenheit.
Und plötzlich steht der Hirte selbst vor dir.
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