Der Vorhang im Tempel sagte: Bis hierher – und nicht weiter. Nur einmal im Jahr durfte der Hohepriester ins Allerheiligste. Der Hebräerbrief setzt genau dort an – und zeigt, warum Jesus der wahre Hohepriester ist.
Hinter dem Vorhang: Nähe zu Gott als Grenze
Im Heiligtum Israels war der Zugang zu Gott nicht bloß eine Frage der inneren Haltung, sondern klar begrenzt. Der Weg führte vom Vorhof in den heiligen Bereich – und endete vor einem schweren Vorhang. Dahinter lag das Allerheiligste, der innerste Raum, der als Ort der besonderen Gegenwart Gottes gedacht wurde.
Gerade diese Begrenzung machte sichtbar, wie ernst das Verhältnis zwischen Gott und Mensch verstanden wurde: Gottesnähe ist nicht frei verfügbar. In dieses Innerste durfte deshalb nicht einfach ein besonders eifriger Gläubiger – nicht einmal jeder Priester. Der Zutritt war dem Hohepriester vorbehalten, und auch er betrat diesen Raum nicht nach Belieben.
Einmal im Jahr: Der Ritus der Versöhnung
Einmal im Jahr jedoch wurde aus der Grenze ein Durchgang. Am großen Versöhnungstag trat der Hohepriester hinter den Vorhang. Dazu gehörten Waschungen, besondere Gewänder, Opferhandlungen – und das Mitführen von Opferblut als Zeichen der Sühnung. Schuld ist real, sie bleibt nicht folgenlos. Und Versöhnung ist kein frommer Wunsch, sondern ein Geschehen, das „etwas kostet“ – nicht im Sinn von Geld, sondern im Sinn von Leben.
Gleichzeitig zeigte der jährliche Gang hinter den Vorhang die Begrenztheit jedes menschlichen Mittlers: Auch der Hohepriester war Teil des Problems. Er trug Verantwortung für das Volk, aber er war selbst anfällig, schwach, fehlbar – darum gehörte zum Versöhnungstag auch das Opfer für die eigene Schuld.
Solidarität statt Distanz: Christus teilt das menschliche Schicksal
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Hebräerbrief Jesus als den „großen Hohepriester“ beschreibt – und zwar nicht als Nachfolger eines irdischen Amtes, sondern als dessen Erfüllung. Der Text verbindet zwei Linien, die selten zusammenkommen: Christus ist der, der die wirkliche Gottesnähe ermöglicht – und zugleich der, der menschliche Schwachheit kennt. Er „kann mitfühlen“, weil Versuchung und Leid für ihn nicht Theorie waren.
Genau diesen Gedanken hat Stammapostel Jean-Luc Schneider in einem Gottesdienst zur Passionszeit in Évreux am 26. März 2017 plastisch entfaltet. Es fasziniere ihn immer wieder, „dass der Sohn Gottes sich bereit erklärt, Mensch zu werden und unser Schicksal, das Schicksal der Menschen, zu teilen“. Damit ist Solidarität nicht moralischer Appell, sondern Wesenszug des Erlösers: Christus bleibt nicht Zuschauer, sondern tritt in die Bedingungen des Menschseins ein – Hunger und Durst, körperliche Schmerzen, seelische Last, Ungerechtigkeit, Verachtung, ja sogar die Enttäuschung über die Schwäche der Freunde.
Freimütig hinzutreten: Der offene Zugang zum Thron der Gnade
Diese Solidarität bleibt dabei nicht allgemein. Sie wird konkret, tröstlich, seelsorgerlich. In derselben Predigt heißt es: „Bruder, Schwester, der Herr teilt dein Leiden, er identifiziert sich mit dir. Er versteht nicht nur dein Leiden, sondern er leidet für dich und mit dir.“
Genau hier trifft sich die Bildwelt des Hohepriesters mit der Aussage des Hebräerbriefs: Der wahre Hohepriester steht nicht auf der anderen Seite des Vorhangs und bewacht den Zugang, sondern er geht hindurch – und nimmt die Seinen mit. Darum lautet die Konsequenz nicht: „Bleibt draußen, bis ihr würdig genug seid“, sondern: „Lasst uns freimütig hinzutreten.“
Stammapostel Schneider verwies auf den Teil des Hebräerbriefes: „Die Konsequenz für uns, es steht hier in Kapitel vier: Lasst uns mit Zuversicht vor den Thron der Gnade treten, um in unseren Nöten Hilfe zu finden.“
Der Vorhang ist zerrissen: Heiligkeit bleibt ernst, Gnade wird erreichbar
Damit verändert sich auch die Logik des alten Vorhangs. Der frühere Zugang war exklusiv: ein Mensch, ein Tag im Jahr, ein Raum – und stets unter dem Zeichen der Begrenzung.
Die Evangelien setzen hier ein starkes Zeichen: Als Jesus am Kreuz stirbt, „zerriss der Vorhang im Tempel“ – von oben bis unten. Damit wird nicht behauptet, jemand habe ihn von Hand aufgerissen, sondern: Gott selbst hebt die Barriere auf, die das „Bis hierher – und nicht weiter“ markierte.
Nicht, weil Heiligkeit weniger ernst wäre, sondern weil der Mittler größer ist. Gottes Nähe bleibt heilig – aber sie ist in Christus nicht mehr hinter einem Vorhang verborgen, sondern für alle zugänglich, die sich an ihn halten und zu ihm kommen.
Foto: KI-generiert