Immer die gleichen Worte und Gesten, das hat System: Liturgie nennt sich das Prinzip, das die Verlässlichkeit Gottes vermittelt – der Gottesdienst, seine Form und ihr Wandel.
Wer regelmäßig neuapostolische Gottesdienste besucht, kennt sie beinahe auswendig: die Eröffnung im Namen des dreieinigen Gottes, das gemeinsame Vaterunser, die Freisprache, die Worte der Aussonderung beim Abendmahl. Woche für Woche erklingen dieselben Formulierungen. Aber Zufall ist das nicht.
Genau unter die Lupe nimmt das der Artikel „Das Heilige Abendmahl – die Mitte der Liturgie“ in der jüngsten Ausgabe des Mitgliedermagazins community, der auch in der Kirchenzeitschrift neuapostolisch veröffentlicht wird. Der Text basiert unter anderem auf der „Einleitung zur Liturgie“, die ursprünglich in der Leitgedanken-Sondernummer 2/2025 erschienen ist.
Nicht Vorschrift, sondern Begegnung
Das Wort „Liturgie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet „öffentlicher Dienst“. Im christlichen Sinn beschreibt es die Ordnung all dessen, was Gottesdienst ausmacht. Dabei passieren zwei Dinge gleichzeitig: Gott dient dem Menschen durch Predigt, Sakramente und Segen. Und der Mensch dient Gott mit Gebet, Gesang und Bekenntnis.
So ist Liturgie kein Programm, das abzuspulen ist. Sondern sie ist der Rahmen für die Begegnung mit Gott. Predigt, Gebet, Sakramente und Segen bilden eine Einheit. Gemeinsam führen sie zu dem Ziel, das Gott mit seinem Heil verfolgt: Menschen Gemeinschaft mit ihm zu schenken.
Als weniger plötzlich mehr wurde
Mit welchen Worten und welchen Gesten in welcher Reihenfolge das passiert, unterliegt auch dem Wandel der Zeit und ihrer Gegebenheiten. Die ersten apostolischen Gemeinden übernahmen viele liturgische Formen aus der katholisch-apostolischen Bewegung. Die Gottesdienste waren deutlich umfangreicher und stärker ritualisiert.
Und dann kamen die Apostel Friedrich Wilhelm Schwarz und Friedrich Wilhelm Menkhoff. Sie brachten aus den Niederlanden die Schlichtheit des reformierten Predigtgottesdienstes mit.
Und diese Form setzte sich aus zwei Gründen durch: Zum einen sollte die Botschaft von der personalen Neubesetzung des Apostelamtes so einfach wie möglich rübergebracht werden. Und zum anderen fanden die Gottesdienste zumeist in einfachen Räumen statt, die eine aufwendige Liturgie kaum zuließen.
Neue Wertschätzung für alte Formen
Der Trend setzte sich fort: Im Laufe des 20. Jahrhunderts verschwanden viele sichtbare liturgische Gesten fast vollständig. Erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts setzte eine vorsichtige Neubesinnung ein. Und das auf doppelte Weise.
Im Jahr 2010 wurde die erweiterte Liturgie eingeführt, die mit verbindlicheren Abläufen und Formulierungen das Heilige Abendmahl stärker in den Mittelpunkt des Gottesdienstes rückte. Das weckte Interesse am Begriff „Liturgie“ und seinem Inhalt, was Jahrzehnte zuvor ähnlich verpönt war wie „Theologie“ im Allgemeinen.
Stetigkeit, Verlässlichkeit, Geborgenheit
Die liturgischen Texte werden vom Apostolat verbindlich festgelegt. Denn das schafft Einheit: Wer irgendwo auf der Welt einen neuapostolischen Gottesdienst besucht, begegnet denselben wesentlichen Worten. Nicht persönliche Vorlieben des Dienstleiters bestimmen das Geschehen, sondern die gemeinsame Lehre der Kirche.
Und ganz wichtig: „Die wiederkehrenden liturgischen Abläufe haben auch die Aufgabe, dem Menschen die stetige und verlässliche Zuwendung Gottes deutlich zu machen“, heißt es im Leitgedanken-Betrag: „So kann sich der Gottesdienstbesucher in der unwandelbaren Treue Gottes geborgen fühlen.“
Foto: Oliver Rütten