Stell dir vor, du kommst an einen festlich gedeckten Tisch – und jeder Platz scheint schon besetzt. Du schaust dich um, zögerst kurz und fragst dich: Ist hier überhaupt noch Raum für mich?
Genau dieses Bild griff Stammapostel Helge Mutschler am 31. Mai 2026 in Stendal (Deutschland) auf – in seinem ersten Gottesdienst als Stammapostel. Grundlage war Johannes 17,20.21: „Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.“
Am Tisch der Dreieinigkeit
Eine Woche nach Pfingsten feiert die Kirche Trinitatis, das Fest der Dreieinigkeit Gottes. Der Stammapostel zeichnete den Weg des Kirchenjahres nach: Advent, Weihnachten, Karfreitag, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten hätten Schritt für Schritt gezeigt, wie Gott sich offenbart: als Vater, Sohn und Heiliger Geist. An Trinitatis komme dies alles zusammen.
Das Geheimnis der Dreieinigkeit fasste er mit den Worten Jesu zusammen: „Du in mir und ich in dir.“ Vater, Sohn und Heiliger Geist seien verschieden und doch vollkommen eins – in Nähe, Vertrauen, Beziehung und Liebe. Zur Veranschaulichung verwies der Stammapostel auf ein bekanntes Bild der Dreieinigkeit: drei Gestalten an einem Tisch, in der Mitte der Kelch, einander zugewandt in Frieden. Und dann der entscheidende Blick auf die offene Seite. Das Schöne an diesem Bild, so der Stammapostel, sei die offene Seite des Tisches: „Da ist noch Platz.“
„Auch sie sollen in uns sein“
Von dort aus führte der Stammapostel mitten in das Bibelwort hinein. Jesus bete nicht nur für seine Jünger und Apostel, sondern auch für alle, die durch ihr Wort glauben. „Für uns alle, für dich und für mich, wo auch immer du gerade bist, Jesus Christus bittet für dich.“ Die erste große Zusage: Niemand steht außerhalb dieses Gebetes.
„Für dich ist dort Platz an diesem Tisch und für mich auch und für uns alle als Gemeinde. Denn Gott ist die Liebe und die Liebe drängt dazu, einen Platz freizumachen an diesem Tisch.“ Genau das wolle Jesus Christus: dass Menschen nicht nur von außen auf Gott schauen, sondern in die Gemeinschaft mit ihm hineingenommen werden. „Jesus Christus bittet für uns, dass wir förmlich auch hineingezogen werden in diese Liebe Gottes und dass wir auch in Gott sind und Gott in uns und dass wir an seinem Herzen sind und er in unserem Herzen ist.“
Wie kommt man an diesen Tisch? Der Stammapostel nannte Gottes Einladung durch sein Wort, die Wiedergeburt aus Wasser und Geist und das Heilige Abendmahl als Speise und Trank an diesem Tisch. „Gott hat uns allen eine Einladungskarte geschrieben und hat uns persönlich eingeladen durch sein Wort, durch das Wort der von ihm Gesandten, durch das Wort der Apostel. Das ist Apostelwort, das ist Apostellehre. Lasst euch versöhnen mit Gott. Komm und nimm Platz an diesem Tisch.“
Der Mensch müsse sich diese Gemeinschaft nicht verdienen. Glauben heiße: vertrauen und Platz nehmen. „Das ist der Glaube, sich einfach auf diesen Stuhl setzen, den Gott dir hingeschoben hat und mir hingeschoben hat und einfach Kind sein beim Vater und Bruder sein beim Sohn und die verbindende Kraft des Heiligen Geistes verspüren, der aus dem Ich und dem Du eins macht.“
„Dass sie alle eins seien“
Die zweite Bitte Jesu lautete: „dass sie alle eins seien“. Und „alle“, so machte der Stammapostel deutlich, meine wirklich alle: die kleine Gemeinde wie die große, die am Rand wie die in der Mitte. „Es gibt die Schwachen und die Starken, die Großen und die Kleinen, die Reichen und die Armen. Es gibt die Progressiven und die Konservativen. Es gibt die, die jenen Standpunkt haben, die diesen Standpunkt haben. Lass sie alle eins sein.“
„Wir sollen und müssen ja nicht alle gleich denken und fühlen und den gleichen Standpunkt haben und alle persönlich miteinander befreundet sein. Das ist ja gar nicht damit gemeint, sondern ich in dir und du in mir und wir, verbunden durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ Einheit entstehe dort, wo Unterschiedliche auf die eine Liebe und das eine Ziel ausgerichtet seien: die Wiederkunft Christi.
Doch die Wirklichkeit sei oft anders. Der Stammapostel sprach von zerbrochener Tischgemeinschaft: mit sich selbst, mit dem Nächsten, mit Gott. „Seit Adam und Eva sind Beziehungen gestört. Ich weiß das, dass Stühle von dieser Tischgemeinschaft weggerückt wurden und werden.“ Solche Brüche zeigten sich in der Beziehung zu sich selbst, zum Nächsten und zu Gott: wenn Menschen sich selbst für unwürdig halten, andere innerlich wegschieben oder Gott aus ihrem Leben rücken.
Der Weg zurück beginne nicht bei menschlicher Leistung, sondern am Kreuz Christi. Dort zeige sich Gott als der Liebende. Dort werde Versöhnung möglich. „Es ist Gott, es ist Jesus Christus, der den Stuhl wieder heranrücken möchte an die Tischgemeinschaft, der dir heute Morgen sagt: ‚Mein Kind, du bist so wert, du brauchst nicht in irgendeiner Ecke des Hauses zu sitzen, sondern ich rücke deinen Stuhl ganz heran an diese Tischgemeinschaft.‘“
„Auf dass die Welt glaube“
Die dritte Bitte Jesu richtet den Blick nach außen: „dass die Welt glaube“. Die Welt sei geprägt von Misstrauen, Angst, Distanz und zerbrochenen Beziehungen. Und doch bleibe im Menschen eine tiefe Sehnsucht, „… denn das verbindet uns als Menschen, es ist unsere Menschennatur, die Sehnsucht, wieder Platz zu nehmen, und Frieden zu haben.“ Vertrauen könne wachsen, wenn Menschen erlebten, dass es in der Gemeinde – bei aller Unvollkommenheit – echte Tischgemeinschaft gebe: ein Miteinander, getragen von der Liebe Gottes.
Am Ende richtete der Stammapostel den Blick auf die Zukunft. Einmal werde vollendete Tischgemeinschaft sein: mit Gott, mit den Lebenden und den Verstorbenen, unverstellt und in vollkommener Freude. „Und dann werden wir ein Fest feiern. Nicht Trinitatis, nicht Weihnachten, nicht Ostern, nicht Pfingsten. Wir werden Gott feiern, weil wir erkennen werden, wie schön Gott ist.“
Bis dahin gilt die Einladung: Der Tisch ist bereitet, der Platz ist frei – und Christus rückt den Stuhl heran.
Fotos: NAK Nord- und Ostdeutschland