Wer Angst und Scham fühlt, versteckt sich gern. Doch Gott ruft zurück ins Leben. Wer darauf hört, erlebt Fürsorge, Frieden und neue Würde – der Beitrag von Bezirksapostel John Schnabel zum Jahresmotto.
Angst und Scham gehören zu den tiefgreifendsten Erfahrungen des menschlichen Daseins. Die Heilige Schrift fordert uns immer wieder auf: „Fürchte dich nicht!“, gerade weil Angst unser Verständnis von uns selbst, von anderen und von Gott so leicht prägt. Von den frühesten Kapiteln der Bibel bis hin zum Wirken Jesu und dem Leben der ersten Jünger zeigt sich, wie Angst und Scham Menschen dazu treibt, sich zu verstecken. Doch neben dieser Realität zeugt die Schrift von einer beständigen Botschaft der Hoffnung: Gott ruft die Menschen aus ihrem Versteck hervor, stärkt sie und ermutigt sie, daran zu glauben, dass er immer noch in ihnen wirkt.
Angst und Scham tauchen das erste Mal im Buch Mose auf. In Mose 1 und 2 wird die erschaffene Welt als gut, schön und geordnet beschrieben. Der Bericht schließt mit einer bemerkenswerten Feststellung: „Und sie waren beide nackt, der Mensch und seine Frau, und schämten sich nicht“ (1. Mose 2,25). Dieses Detail unterstreicht die Harmonie, die in der Schöpfung herrschte. Adam und Eva lebten ohne Furcht, frei von Beschämung und in intakten Beziehungen.
In 1 Mose 3 jedoch wird diese Harmonie zerstört. Die Schlange verführt Adam und Eva zum Ungehorsam und verspricht ihnen: „An dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“ (1. Mose 3,5). Doch als sie von der Frucht essen, folgt nicht Erleuchtung, sondern Scham und Angst. Sie versuchen sofort sich zu bedecken und ihre Nacktheit voreinander zu verbergen. Als sie schließlich hören, wie Gott im Garten wandelt, verstecken sie sich zwischen den Bäumen.
Philosophisch betrachtet kann Scham als eine Form der „reflektierten Selbsteinschätzung“ verstanden werden. Wir empfinden Scham, weil wir uns vorstellen, wie wir von anderen wahrgenommen werden, und beurteilen uns selbst negativ unter diesem vermeintlichen Blick. Adam und Eva erleben Scham in zweifacher Hinsicht: Erstens auf horizontaler Ebene, indem sie sich voreinander entblößt fühlen. Zweitens auf vertikaler Ebene, indem sie Gottes Blick auf ihren Ungehorsam und ihre Verletzlichkeit fürchten.
Doch die Reaktion Gottes in diesem Moment macht deutlich, dass er sich nicht abwenden will, sondern das Verhältnis wiederherstellen möchte. Gott ruft Adam zu und fragt: „Wo bist du?“ Diese Frage ist keine Bitte um Information, sondern eine Aufforderung zum Hervortreten. Gott fährt fort: „Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?“ Diese Fragen zeigen, dass Angst und Scham ihren Ursprung nicht in Gott haben. Vielmehr legen sie die nun gestörte Beziehung zwischen den Menschen und Gott und die Beziehung der Menschen untereinander offen.
Als Adam und Eva hervortreten, äußert sich ihre Scham in Schuldzuweisungen und der Suche nach einem Sündenbock. Adam gibt Eva die Schuld, Eva wiederum der Schlange. So wird die Harmonie der Schöpfung durch Anschuldigungen und Spaltung ersetzt. Obwohl ihrem Ungehorsam Konsequenzen folgen, endet die Erzählung mit einer bemerkenswerten Geste der Fürsorge: „Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an“ (1. Mose 3,21). Diese Handlung bedeutet ein Opfer. Gott verschafft ihnen Schutz vor ihrer Scham und offenbart damit sowohl seine Gerechtigkeit als auch seine Barmherzigkeit.
Ein ähnliches Muster findet sich im Markusevangelium in der Begegnung Jesu mit der Frau, die seit Jahren an Blutungen litt (Markus 5). Anders als bei Adam und Eva ist die Scham der Frau nicht selbstverschuldet. Vielmehr entspringt sie sozialer Ausgrenzung und körperlichem Leiden. Ihr Zustand machte sie rituell unrein und schloss sie von der Gemeinschaft weitgehend aus. Ihre Scham spiegelt dieselbe horizontale Dimension wider, die Menschen auch heute noch erleben – Scham, die darin begründet ist, wie andere uns wahrnehmen und behandeln.
Dennoch glaubt sie, dass Jesus sie heilen kann. Im Glauben streckt sie die Hand aus und berührt sein Gewand. Im selben Augenblick hört die Blutung auf. Als Jesus jedoch fragt: „Wer hat mein Gewand berührt?“, zittert sie vor Angst. Wie Adam und Eva ist sie entblößt.
Doch Jesu Reaktion unterscheidet sich in einem entscheidenden Punkt. Anstatt zuzulassen, dass Scham ihre Identität bestimmt, ruft er sie zu sich, wobei er nicht nur ihr Vertrauen bekräftigt, sondern ihr einen neuen und tieferen Glauben an ihn schenkt. Ihr Glaube hat sie geheilt, die Begegnung mit Jesus hat dies ermöglicht. Jesus spricht sie zärtlich als „Tochter“ an und sagt ihr, „Geh in Frieden.“ Damit heilt er nicht nur ihre Krankheit, sondern beseitigt die eigentliche Ursache ihrer Scham. Sie wird nicht mehr durch ihren Zustand definiert; ihre soziale Isolation wird aufgehoben und ermöglicht ihr die Rückkehr in die Gemeinschaft. Und sie erhält ihre Würde zurück. Was Gott in 1. Mose bedeckte, heilt und verwandelt Jesus nun.
Ein drittes Beispiel findet sich nach der Kreuzigung Jesu in Johannes 20. Die Jünger versammeln sich aus Furcht hinter verschlossenen Türen. Sie sind verunsichert durch die Berichte über die Auferstehung Jesu und schämen sich vielleicht, weil sie ihn verlassen und verleugnet haben. Wie können sie ihrem Meister wieder gegenübertreten, nachdem sie ihn im Stich gelassen haben?
In diesem Moment ruft Jesus sie nicht aus ihrem Versteck hervor, wie Gott es bei Adam und Eva tat. Stattdessen erscheint er mitten unter ihnen. Er tritt in den mit Angst erfüllten Raum und sagt: „Friede sei mit euch!“ Seine Gegenwart verwandelt ihre Angst in Freude. Mehr noch, er erneuert ihre Berufung, sendet sie als seine Zeugen aus und stärkt sie durch den Heiligen Geist.
In all diesen Berichten zeichnet sich ein einheitliches Muster ab. Angst und Scham treiben Menschen dazu, sich zu verstecken – voreinander, vor der Gesellschaft, und vor Gott. Doch Gott reagiert immer wieder darauf, indem er sie sucht und ruft, ihre Verzweiflung heilt und ihre Identität stärkt. Indem er sie hervorholt, verlangt Gott viel von ihnen, doch alle erhalten mehr, als erwartet: Adam und Eva erhalten Fürsorge, die Frau mit den Blutungen erhält einen neuen, tieferen Glauben und Heilung und die Jünger erhalten den Frieden des auferstandenen Christus.
Dieses Muster setzt sich in unserem Leben bis heute fort. Angst oder Scham führen oft dazu, dass wir uns zurückziehen, weil wir überzeugt sind, nicht gut genug zu sein oder weil wir glauben, durch unsere Fehler definiert zu werden. Doch die Botschaft der Schrift lädt zu einer anderen Antwort ein: aus unserem Versteck hervorzutreten und zu glauben, dass Gott weiterhin in uns wirkt.
Eine derartige Verletzlichkeit ist nicht leicht. Es erfordert ehrliche Selbstreflexion und den Mut, vor Gott zu treten ohne ihm etwas verheimlichen oder verschweigen zu wollen. Doch die Verheißung, die darauffolgt, ist tiefgreifend. Gott kleidet uns in Barmherzigkeit, heilt unsere Verzweiflung und führt uns zurück in die Gemeinschaft. All das Gute, das Gott in der Schöpfung geschaffen und verkündet hat, ist nicht verschwunden. Es bleibt gegenwärtig in uns, weil wir nach seinem Bild erschaffen sind.
Wenn Angst und Scham aufkommen, bleibt seine Aufforderung dieselbe: Versteck dich nicht. Glaube stattdessen daran, dass Gott in dir wirkt, dich zum Weitergehen ermutigt, und das, was einst Angst auslöste, in eine Quelle von Kraft, Hoffnung und neuem Segen in deinem Leben verwandelt – einen Segen, den du nie für möglich gehalten hättest.