„Glaube hat Methode“

Glaube und Wissenschaft – passt das zusammen? Professor Max Mühlhäuser (58), Dekan des Fachbereichs Informatik an der Technischen Universität Darmstadt und Evangelist in der Gemeinde Ober-Ramstadt in Deutschland, sieht da keinen Widerspruch.

Was haben Glauben und Wissenschaft miteinander zu tun?

Wissenschaft ist geprägt von einer methodischen Vorgehensweise. Es ist wichtig, dass man zweifelsfrei die Methoden, also bewährte Vorgehensweisen, anwendet, die in der Wissenschaft gelten. Ergebnisse, die man so erzielt, nennt man „gesicherte Erkenntnis“. Was wir heute als gesicherte Erkenntnis bezeichnen, ist aber oftmals morgen durch andere Erkenntnisse überholt.

Insofern sind wir Wissenschaftler immer auf der Suche nach der Wahrheit – im Bewusstsein, dass wir sie nie vollständig erlangen werden. Das ist die erste Parallele zum Glauben: Wir sind immer auf der Suche nach der göttlichen Wahrheit, aber auch wenn wir ihr ein wenig näherkommen, werden wir sie nicht haben, solange wir hier auf Erden leben.

Die zweite Parallele ist folgende: Auch Glaube hat Methode – und zwar ebenfalls im Sinne bewährter, breit akzeptierter Vorgehensweise. Da ist das Gebet ein wichtiges „methodisches Instrument“. Es hat sich bewährt, sich mit Gottes Wort zu beschäftigen. Es hat sich bewährt, dass man sich, wenn man Glaubenserlebnisse haben möchte, möglichst tief in Glaubenszusammenhänge hineinversetzt. Wer sich wenig mit dem Glauben befasst, wird auch wenige Glaubenserlebnisse haben.

Was bedeutet Ihnen Glaube?

Glaube ist ein Geschenk, dessen muss man sich bewusst sein. Dass ich glauben kann und darf, ist Gnade. Das heißt nicht, dass ich nichts dafür tun kann. Wenn ich mich mit meinem Glauben auseinandersetze, mich damit beschäftige, dann begeistert er mich immer wieder aufs Neue. Ich war noch nie so gern neuapostolisch wie heute. Wie wir beispielsweise im ökumenischen Kontext auf andere Religionen zugehen, die richtig verstandene Selbstverantwortung, die Betonung der Froh-Botschaft in den Gottesdiensten und noch tausend andere Dinge mehr begeistern mich.

Nicht alle Glaubensgeschwister reagieren so auf die Entwicklung in der Kirche …

Ja, Veränderungen tun manchmal weh, das ist im Glauben so und auch in der Wissenschaft. Doch es tut gut, sich damit zu beschäftigen, nachzudenken, zu hinterfragen. Auch ich habe oft Fragen, gar Zweifel. Doch ich habe gelernt, damit umzugehen. Wenn ich mit einer Glaubensfrage ein Problem habe, dann ist das oft nicht schnell zu klären. Ich lege das dann auf einen speziellen Platz in meinem Inneren. Früher oder später erhalte ich Antwort; oft muss ich eine Auffassung korrigieren, manchmal wird sie aber auch bestätigt.

Spielt Ihr Glaube auch in Ihrem Beruf eine Rolle?

Ja, auf jeden Fall. Ich möchte in meinem Beruf meinen Glauben möglichst gut „leben“. Beim Reden ist allerdings Zurückhaltung geboten. Ich habe viele Studenten, Doktoranden, Sekretärinnen in meinem beruflichen Umfeld, denen gegenüber ich weisungsbefugt bin, und es wäre unangebracht, würde ich da Glaubensgespräche einbringen. Mit Kollegen ist das einfacher. Vor allem mit einem Kollegen führe ich oft glaubensbezogene Gespräche.

Was können Sie mithilfe Ihres Glaubens bewirken?

Ein Beispiel: Ich bete darum, dass das Richtige geschieht. Wenn man ein Vorhaben in die Hand Gottes legt, dann kann man oft erleben: Der liebe Gott ist mit einem, egal ob man Erfolg hat oder nicht. Und das ist schön. Man hat als Wissenschaftler unweigerlich viele Misserfolge. Da ist es schön, wenn man spürt, dass Gott einen führt, dass er das letzte Wort hat. Immer wenn ich Gott in solche Situationen einbeziehe, ist das eine tolle Erfahrung für mich. Der liebe Gott zeigt mir dann immer wieder: „Ja, du hast gut gearbeitet, aber schau mal, wo es endet, deine Fähigkeiten haben eben Grenzen, das kannst du nicht beeinflussen.“ Und häufig geschehen da, wo ich meine Grenzen gezeigt bekomme, Wunder.

Stand Ihnen der Glaube beruflich irgendwann im Weg?

Ich hatte es mal so empfunden. Das war zu der Zeit, als man vieles nicht durfte. Da habe ich beispielsweise geglaubt, bei manchen Veranstaltungen, die für Vernetzung und somit für den beruflichen Erfolg wichtig waren, nicht dabei sein zu dürfen. An solchen Abendveranstaltungen habe ich dann gefehlt und bin meinen kirchlichen Aufgaben nachgekommen – aus Pflichtbewusstsein. Doch im Nachhinein muss ich sagen, dass Gott mir geholfen hat, berufliche und kirchliche Pflichten in Einklang zu bringen. Wenn ich mich heute auf einer Konferenz am Mittwochabend vorzeitig losreiße, um in den Gottesdienst zu gehen, sammle ich schöne Erfahrungen: Trotz der vorherigen Hektik erlebe ich überwiegend schöne Gottesdienste und empfinde so Bestätigung für meine Entscheidung.

Ist Wissenschaft eine Sache des Kopfes und Glaube mehr fürs Herz?

Wir haben ja alle Kopf und Herz oder, anders ausgedrückt, Logik und formales Denken sowie Empfindungen. Von beiden kann man Gebrauch machen. Der Glaube hat mehr mit Fühlen und Empfinden, die Wissenschaft mehr mit Logik und Denken zu tun. Aber sie greifen ineinander. Der Stammapostel sagte kürzlich in einer Jugendstunde: „Ich will, dass ihr euren Kopf gebraucht.“ Früher hätte man das so wohl nicht formuliert. Doch für Weiterentwicklungen, auch in der Kirche, muss man auch den Kopf einsetzen.

Mein Beruf hat viel mit Denken zu tun, aber man muss auch fühlen. Ich arbeite ja viel mit Menschen zusammen. Außerdem ist bei Technik immer wichtig, wie sie bei den Menschen „ankommt“. Ich denke, wenn ein Wissenschaftler nur das technisch Mögliche sieht und nicht mit seinem Herzen dabei ist oder wenn der Gläubige sagt, sein Verstand störe ihn beim Glauben, dann stimmt etwas nicht.

Der technische Fortschritt – dient er immer zum Vorteil?

Wir Wissenschaftler entwickeln Dinge mit dem Ziel, dass sie zum Nutzen der Menschheit sind. Doch jede Entwicklung hat einen Anteil, mit dem sie neue Probleme schafft. Und dann sind wir Forscher gefordert, einen Beitrag zu leisten – im Rahmen dessen, wozu wir fähig sind –, um die negativen Folgen einzuschränken und die positiven möglichst weiterzuentwickeln. Wir können und wollen uns den Fortschritt nicht wegdenken. Fortschritt und Technik in gesellschaftlicher Verantwortung waren schon immer angesagt – heute mehr denn je.

Welche Vision haben Sie in Bezug auf unsere Kirche?

Da ich beruflich viel mit jungen Menschen zu tun habe, beschäftigt es mich, dass wir in der Kirche immer weniger Jugendliche haben. Meine Vision ist es, dass es uns gelingt, unser Gemeindeangebot so vielfältig zu gestalten, dass es der Vielfalt der Jugendlichen gerecht wird. Denn man erlebt ja selbst: Wenn man engagiert ist, dann hat man Spaß an der Sache und beteiligt sich gerne. Etliche Jugendliche begeistern sich für unsere Musik, andere aber auch nicht so sehr. Ich persönlich träume davon, dass auch andere Formen von Beiträgen der Jugend fest in unseren Gemeinde-Alltag integriert werden.

Eine Frage zum Abschluss: Was ist Ihr Lebensmotto?

Lebensmotto ist zu viel gesagt, aber mir fällt spontan ein viel gebrauchtes Zitat ein: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten.“ Das gilt für mich für Glaube und Wissenschaft gleichermaßen.


Eine ausführliche Version dieses Interviews bietet die Ausgabe 09/2016 der Zeitschrift „Unsere Familie“. Das Magazin „spirit“ berichtet in der Ausgabe 2/2016 von einer Podiumsdiskussion zum Thema „Wissenschaft und Glaube“ mit den Professoren Auner und Mühlhäuser.

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Dinara Ganzer, Andreas Rother
8.07.2017
Gemeindeleben, Persönlichkeiten