Entschlafenensonntag – freundliches Gedenken ohne Vorurteil

Per Definition ist ein Vorurteil ein vorab gebildetes Urteil. Häufig wertet es ab, stigmatisiert oder diskriminiert. Vorurteile sind oft negativ und wenig reflektiert. Und doch: alle Menschen besitzen sie, diese Schätze im Dunkeln unserer Empfindungen.

Folgende Szene: Eine Frau geht in ein Café, bestellt sich einen Kaffee, setzt sich an einen freien Tisch, steht aber wieder auf, um sich noch eine Tüte Zucker vom Tresen holen, will zurück und entdeckt, dass sich ein fremder Mann an ihrer Tasse Kaffee zu schaffen macht. Tausend Gedanken schießen durch ihren Kopf – in einem Bruchteil von Sekunden: das ist ein Dieb, ein Obdachloser der stiehlt, meine Tasche hat er bestimmt auch ausgeräumt, die wollen alle nur mein Geld, nichts ist heute mehr sicher, es gibt keine ehrlichen Menschen mehr auf dieser Welt und so weiter und sofort. Sie holt sich Verstärkung, wobei ihr die Verkäuferin schnell andeutet, dass dieser Mann nicht an ihrem Tisch sitzt, sondern am Nachbartisch. Dort, nebenan, steht ihre Tasse Kaffee und ihre Tasche, beide unversehrt. Tische in einem Restaurant sehen eben häufig gleich aus.

Vorurteile sind unbedacht, unreflektiert, ungerecht

Man kann sich mal vertun, kein Problem. Doch was passiert da im Inneren? Ängste kommen hoch, schlechte Gedanken, böse Gefühle. Die Wirklichkeit sieht anders aus. Vor-Urteile sind eben vorab Urteile, häufig ohne besseres Wissen. Unbedacht. Unreflektiert. Ungerecht.

Morgen, am 3. Juli 2016, feiern neuapostolische Christen in aller Welt den Gottesdienst für Entschlafene. Innere Einkehr, Emotionen, Erinnerungen sind prägende Gefühle dieses Tages. Wie oft passiert es in diesem Zusammenhang, dass menschliche Haltungen eins zu eins in eine Welt übertragen werden, die der Mensch nicht kennt, die er nicht wirklich einschätzen kann. Und die er doch erreichen will. Die neuapostolische Lehrerkenntnis besagt, dass sich das Heilsangebot Gottes an alle Menschen richtet, hier und in der jenseitigen Welt.

Fürbitten der Gemeinde

Die Liturgie wird an diesem Sonntag um ein wesentliches Element erweitert: Ein in allen Gemeinden vorgetragenes Fürbittgebet. Darin soll der Dank zum Ausdruck kommen, dass durch das Opfer Jesu auch Unerlösten aus der jenseitigen Welt Gnade und Heil zuteilwerden können, dass die Seelen durch die Hinnahme der Sakramente in die Gemeinschaft mit Jesus Christus und seiner Gemeinde kommen und darin gestärkt werden, dass auch ihnen der Zugang zum Reich Gottes und zum ewigen Leben offensteht. Ebenso findet eine eigens betonte Fürbitte für die unerlösten Seelen statt: dass sie die Kraft erhalten, sich vertrauensvoll und demütig an den Herrn wenden und sich durch nichts davon abhalten lassen, dass sie verlangend nach der Barmherzigkeit Gottes und den Sakramenten sind, dass Gott ihnen seine ganze Liebe und Zuwendung schenken möge.

Das muss die Gemeinde erst einmal erfüllen – gar nicht so leicht! Aus dem sonst üblichen Verhaltensschema herausfinden und sich in Barmherzigkeit und Liebe dem Nächsten zuwenden, ist nicht jedermanns Ding. Aber notwendig, soll das Gebet etwas erreichen.

Authentisch sein schützt vor Vorurteil

Stammapostel Jean-Luc Schneider, der am 3. Juli in Vancouver/Kanada zum Gottesdienst erwartet wird, wendet deshalb den Blick auf den Alltag. Er schreibt an die Apostel weltweit, dass die Gemeinde, die sich fürbittend für die Entschlafenen einbringen will, siegen muss über den Ärger des Alltags oder die eigene Bequemlichkeit. Er spricht davon, dass die Teilnahme am Leid des anderen Anstrengung erfordert. Er spricht auch von Vorurteilen: „Bedenken wir, dass wir nicht glaubwürdig sind, wenn wir für gewisse Entschlafene eintreten und andererseits die Lebenden in vergleichbarer Situation verurteilen.“

Entschlafenensonntag – ein Tag des freundlichen Gedenkens, der helfenden Fürbitte und der tätigen Nächstenliebe. Ohne Vorurteile bitte!

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