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faith.today

Zeigst du auf dich – oder auf Christus?

Juni 22, 2026

Author: Oliver Rütten

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Johannes der Täufer hatte eine einzige Aufgabe: auf einen anderen hinweisen. Jesus nannte ihn dafür den Größten. Was bedeutet das heute für das Bekennen?

„Unter denen, die von einer Frau geboren sind, ist keiner aufgetreten, der größer ist“ – so spricht Jesus über Johannes (Matthäus 11,11). Ein erstaunliches Urteil über einen Mann, an den sich viele vor allem als Zweifler erinnern, als den, der im Gefängnis endete, bevor die Geschichte ihren Höhepunkt erreichte. Wer war er, dass der Heiland ihn so hoch stellt? Die Spur beginnt lange vor der Wüste, bei einem Gebet, das längst verstummt war.

Ein erhörtes Gebet, ein verstummter Vater

Zacharias versieht priesterlichen Dienst im Tempel. Er und seine Frau Elisabeth wünschten sich ein Kind, sind alt geworden und kinderlos geblieben; jahrelang hatten sie gebetet, vermutlich längst ohne Erwartung. Ihm erscheint eines Tages der Engel Gabriel: „Dein Gebet ist erhört“ (Lukas 1,13). Nun, da menschlich nichts mehr zu hoffen ist, kommt die Zusage. Zacharias zweifelt und verstummt (Lukas 1,20) – eine Folge seines Unglaubens, wie der Engel selbst sagt. Doch diese Zeit wird ihm zur Schule: neun Monate, das Ausmaß des göttlichen Willens zu fassen. Schon vom Mutterleib an, heißt es, werde ihr Kind mit dem Heiligen Geist erfüllt sein (Lukas 1,15).

Die Parallele zu Abraham und Sara wird erkennbar – auch sie empfingen im Alter noch einen Sohn, auch ihnen kam die Verheißung, als das Mögliche längst vorbei schien (1. Mose 18,1–15; Römer 4,18–21).

Eine Namensnennung gegen die Tradition

Bei der Beschneidung wollen die Verwandten den Jungen nach dem Vater nennen. Elisabeth besteht auf „Johannes“; und als man den stummen Zacharias fragt, schreibt er auf eine Tafel: „Johannes ist sein Name“ (Lukas 1,63). Im selben Augenblick löst sich seine Zunge, und im Lobgesang nennt er den Sohn „Prophet des Höchsten“ (Lukas 1,76). Der Name ist Gottes Wahl, nicht die der Familie; „Johannes“ heißt „Gott ist gnädig“. Ausgerechnet diesen Namen der Gnade trägt der spätere Bußprediger, der unbequem von Gericht und Umkehr reden wird.

Wüstensohn und zweiter Elia

Der Sohn aus gutem Priesterhaus wächst in einer Priesterfamilie auf – und wählt dann nicht den Tempel; er geht in die Wüste, wo er von Heuschrecken und wildem Honig lebt. Dort knüpft er an eine alte Hoffnung an: Maleachi hatte einen Boten angekündigt, der dem Herrn vorausgeht (Maleachi 3,1). Johannes tritt auf im Geist und in der Kraft des Elia (Lukas 1,17). Jesus bestätigt das später unmissverständlich – er sei der Elia, der kommen sollte (Matthäus 11,14). In der jüdischen Tradition galt Elia als Vorbote des Messias; wer also im Geist des Elia auftrat, sendete ein unüberhörbares Signal: Jetzt beginnt etwas Neues. Johannes tut genau das – und ganz Judäa zieht zu ihm an den Jordan.

Am Jordan: drei Stimmen, ein Zeuge

Dann kommt Jesus selbst an den Jordan, um sich taufen zu lassen. Was Johannes dort sieht, halten die Evangelien in wenigen Sätzen fest: der Sohn im Wasser, der Geist wie eine Taube, die Stimme des Vaters vom Himmel (Matthäus 3,16–17) – Vater, Sohn und Heiliger Geist treten in diesem einen Augenblick gemeinsam hervor. Es sind solche Momente, in denen das Neue Testament die trinitarische Wirklichkeit Gottes nicht erklärt, sondern zeigt. Johannes sagt danach, er habe ihn gar nicht gekannt; erst das Zeichen des herabkommenden Geistes macht ihm den Messias kenntlich (Johannes 1,33). Er erkennt Jesus also erst durch dieses Zeichen als den Messias – und steht damit vielen nahe, die ihn nie gesehen haben und ihn trotzdem bezeugen. Seine eigene Taufe bleibt eine Taufe der Buße; sie weist auf den Stärkeren hin, der mit Heiligem Geist taufen wird (Matthäus 3,11). Der Katechismus trennt diese Bußtaufe klar von der Heiligen Versiegelung, die erst den Geist schenkt (KNK 8.1.8).

Wegbereiter bis zuletzt

Und doch sagt Jesus auch: Der Kleinste im Himmelreich sei größer als Johannes (Matthäus 11,11). Das klingt hart. Gemeint ist aber keine Abwertung, sondern eine Standortbestimmung. Johannes lebte und starb, ohne Kreuz, Auferstehung und Pfingsten zu erleben. Die Gaben, die seither jeder Christ empfangen darf, blieben ihm noch verwehrt: die im vollbrachten Opfer Christi eröffnete volle Heilszuwendung, die Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten und die daraus erwachsende Möglichkeit der Wiedergeburt aus Wasser und Geist. Heilsgeschichtlich stand Johannes an der Schwelle zum neuen Bund – er kündigte dessen Kommen an, ohne seine Vollentfaltung noch selbst zu erleben. Was hinter dieser Tür liegt, dürfen Gläubige seitdem empfangen – und haben damit Anteil an Jesu Sieg über Tod und Sünde. So lässt sich auch die Frage Johannes‘ aus dem Gefängnis verstehen: „Bist du, der da kommen soll?“ (Matthäus 11,3). Kein Scheitern. Eher das ehrliche Ringen eines Mannes, der das Gericht gepredigt hatte und nun erlebt, dass dieser Jesus vor allem Barmherzigkeit bringt. Der Katechismus nennt ihn schlicht den Wegbereiter Jesu (KNK-FA 96). Sein Weg endet früh: Johannes wird gefangengesetzt und auf Geheiß des Herodes hingerichtet (Markus 6,17–29) – nachzulesen auch im Beitrag „Ein Skeptiker als Vorbild“.

Was Johannes hinterlässt

An ihn erinnert der 24. Juni, der Johannistag – einer der ältesten Gedenktage der Christenheit, früher vielerorts mit Johannisfeuern begangen, heute kaum beachtet. Auffällig ist, dass die Kirche hier eine Geburt feiert; das tut sie sonst nur bei Christus. Es sagt etwas über den Rang, den dieser Mann einmal einnahm.

Und für uns heute? Johannes hätte zum Mittelpunkt werden können; die Menschen strömten zu ihm hinaus an den Jordan. Er hat darauf verzichtet und seine eigenen Anhänger weiterziehen lassen, hin zu Jesus – nicht er sollte gesehen werden, sondern der, auf den er zeigte. Das ist eine leise, fast unbequeme Frage an jede Gemeinde, die vom Dienst vieler lebt: Wer sind heute die Stillen, die etwas möglich machen, ohne sich in den Vordergrund zu spielen?

Schon seine Eltern haben dabei etwas vorgelebt. Zacharias und Elisabeth hatten jahrelang gebetet und irgendwann wohl aufgehört, mit einer Antwort zu rechnen. Trotzdem kam sie. Das ist kein Versprechen, dass jeder Wunsch sich erfüllt; aber es ist die Ermutigung, dass Gott auch das Gebet hört, das wir selbst schon abgeschrieben haben, und zu seiner Zeit antwortet – oft ganz anders als gedacht.

Der Fingerzeig

Das Wichtigste aber ist seine Blickrichtung. Johannes lenkt den Blick von sich weg, hin zu einem anderen: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3,30). Auch ein gut gefüllter Terminkalender und viele Worte können am Ende um sich selbst kreisen, statt den Weg zu Christus freizumachen. Genau dazu sind auch die Gläubigen heute gerufen: weniger von sich reden, mehr von ihm. Wer so zurücktritt, wird nicht kleiner. Vielleicht liegt gerade in dieser Haltung ein Teil jener Größe, die Jesus an Johannes hervorhebt.


Juni 22, 2026

Author: Oliver Rütten

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