Am „Du“ Gottes wird der Mensch zum „Ich“

Ist der Mensch Gott gleich oder Gott ähnlich? Was heißt es, wenn der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen wurde? Leichte Fragen, schwierige Antworten.

Die Heilige Schrift spricht ganz am Anfang in den Schöpfungsberichten von der Ebenbildlichkeit – Gott schuf die Menschen nach seinem Bild. Er schuf sie als Mann und Frau. Die Gottebenbildlichkeit ist ein altes Thema, das immer wieder an die theologische Oberfläche spült und für manche merkwürdigen Annahmen herhalten muss. Arrogante Überlegenheitsgefühle, durch falschen Größenwahn verursacht, haben Kriege entstehen lassen. Kindliche Großvaterbilder verniedlichen Gott auf die Stufe des fehlbaren Menschen – ein verhängnisvoller Schritt. All diesen menschlichen Ansichten ist eines gemein: Sie orientieren sich am Bild des Menschen, dem Gott gleich ist! Dabei ist es genau umgekehrt, weshalb der Begriff Gottebenbildlichkeit sich eingebürgert hat: Der Mensch ist Gottes Ebenbild, nicht Gott des Menschen Ebenbild.

Gott schafft sich ein Ebenbild

Eikōn und imago heißen die Begriffe in der griechischen und lateinischen Frühübersetzung der Bibel. In der modernen Bibelkunde wurde daraus die Formulierung „Gottebenbildlichkeit“. Aus dem Blickwinkel des Alten Testaments ist das natürlich eher problematisch, denn der hebräische Text spricht eher von der „Gottbildlichkeit“ bzw. dem „Bild-Gottes-Sein“ des Menschen. Was also ist gemeint?

Die Erläuterung im neuapostolischen Katechismus (KNK) dazu steht im Kapitel 3.3.2: „‚Ebenbildlichkeit‘ bedeutet, dass der Mensch innerhalb der sichtbaren Schöpfung eine Ausnahmestellung hat: Er ist der von Gott Angesprochene und Geliebte.“ Darüber hinaus, so heißt es weiter, verweise die Gottesebenbildlichkeit des Menschen darauf, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. Jesus Christus sei der zweite „Adam“, an dem die Gottesebenbildlichkeit in vollkommener Weise ersehen werden kann. Aber das besage nicht, so warnt der KNK, dass man von der Person des Menschen aus auf Gottes Wesen schließen könnte — das sei einzig bei Jesus Christus der Fall.

Ebenbild heißt Verantwortung übernehmen

Der Mensch kann sprechen, singen, lachen, zürnen, sich freuen, denken, sich entscheiden, verantwortlich handeln, bewusst leben, Zukünftiges ergründen, forschen – er ist ein begabtes Wesen, heißt es im KNK. Und weiter: „Gott gibt seinem vornehmsten Geschöpf Lebenskraft und gewährt ihm auch Anteil an göttlichen Wesensmerkmalen, wie Liebe, Personalität, Freiheit, Vernunft, Unsterblichkeit. Gott befähigt den Menschen, den Schöpfer zu erkennen, ihn zu lieben und zu preisen. Insofern ist der Mensch auf Gott ausgerichtet, auch wenn er den wahren Gott nicht immer erkennt und an seine Stelle etwas anderes setzt.“

Gott spricht auch: „Er hat durch das Wort alles gemacht und den Menschen bei seinem Namen gerufen. Im Vernehmen der göttlichen Ansprache nimmt der Mensch sich als Person wahr — am „Du“ Gottes wird der Mensch zum „Ich“. Er ist befähigt, Gott zu loben, sich ihm im Gebet mitzuteilen und auf Gottes Wort zu hören. Auch die Möglichkeit, sich frei zu entscheiden, geht darauf zurück, dass der Mensch zu Gottes Ebenbild geschaffen ist. Mit dieser verliehenen Freiheit ist dem Menschen zugleich die Verantwortung für sein Handeln auferlegt. Er kommt unter die Folgen seines Tuns (1Mo 2,16.17)“, schreibt der Katechismus.

Mann und Frau gleichermaßen

Mann und Frau sind gleichermaßen Gottes Ebenbild, insofern sind beide ihrem Wesen nach gleich – das klingt wie eine lapidare Feststellung, ist aber längst noch nicht überall auf der Welt akzeptiert. Mann und Frau, Frau und Mann seien nicht nur miteinander, sondern auch füreinander erschaffen worden und haben denselben Auftrag: über die Erde zu „herrschen“, nämlich sie zu gestalten und zu bewahren, belehrt der Katechismus. Aus dieser Vollmacht entstehe eine hohe Verantwortung: „Die dem Menschen gewährte Vollmacht berechtigt ihn jedoch nicht, mit der Schöpfung willkürlich umzugehen. Vielmehr obliegt ihm, weil er Gottes Ebenbild ist, die Schöpfung so zu behandeln, wie es göttlichem Wesen entspricht: mit Weisheit, Güte und Liebe.“

Als Leitsätze lassen sich ableiten:

  • Alle Menschen sind von Gott geschaffen, einzigartig, Geschöpfe seiner Schöpfung – und damit von Grund auf gut.
  • Im jeweils anderen Menschen begegnet uns Gottes Bild. Mein Nächster trägt Gottes Ebenbild.
  • Mit dem Menschsein ist eine hohe Verantwortung verbunden, der es gerecht zu werden gilt. Gottes Schöpfung braucht unsere Güte!



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Peter Johanning
14.10.2019
Gottesdienst