Der wartende Sintflut-Held

Advent – hoffen, verzweifeln, warten, rennen, ... Da ist sie wieder: Die Zeit, in der viele Menschen ruhig und besinnlich werden wollen und dann doch wieder hektisch enden. – Wie es gelingen kann? Ein alter Mann hat es gut vorgemacht.

Seine Stärken waren Ackerbau und Weinberge, berühmt wurde er als Steuermann der Arche: Noah, der Mann aus dem 1. Buch Mose, hat eigentlich so gar nichts mit Weihnachten und Advent zu tun, oder doch?

Advent, von lateinisch adventus, „Ankunft“, ist eine Zeit der Vorbereitung, des aktiven Wartens. Und erwarten, auf heißen Kohlen sitzen, das tun heute nicht nur Kinder kurz vor dem Weihnachtsfest, sondern auch Gläubige im Hinblick auf die verheißene Wiederkunft Jesu Christi. Zu allen Zeiten haben Menschen geduldig auf Hilfe und Errettung gewartet.

Einer der ersten Wartenden, von dem die Heilige Schrift berichtet, war Noah. Der Nachkomme Sets, der Sohn Lamechs, errang Gottes Wohlgefallen zu einer Zeit, als Gott die Menschheit vernichten wollte. Das versetzte ihn in einen außergewöhnlichen, vielleicht auch bedauernswerten Stand: Er sollte eine Arche bauen, einen hölzernen Kasten. Erstmals sollte es in der Menschheitsgeschichte regnen – und dieser Regen sollte so umfangreich ausfallen, dass heutige Meteorologen mit „Litern pro Quadratmeter“ in Erklärungsnöte geraten wären.

Etwa 135 Meter lang, 22 Meter breit und 13 Meter hoch – ein großes Schiff, weit entfernt von jeglichem Meer, ohne Baugenehmigungsverfahren und Schiffsingenieure – nur aufgrund göttlichen Hinweises zu bauen. Hohn und Spott seiner Umgebung waren Noah sicher.

Wartend – glaubend, vertrauend. Noah ließ keine Zweifel an der Echtheit der Aussagen Gottes aufkommen. Er vertraute der erhaltenen Verheißung. – Wie sehr vertrauen Gläubige heute der Verheißung Gottes?

Wartend – fast alleine. Noah hatte keine große Fangemeinde, die ihm täglich zujubelte. Es gab nur die Zusage Gottes, ihn selbst, seine Frau und später drei Söhne und ihre Frauen. – Wie viele Mit-Gläubige braucht der Einzelne um Gott zu vertrauen? Einen? Hundert? Tausend?

Wartend – generationsübergreifend. Es war kein Familienausflug am Wochenende, keine Projektarbeit für drei Monate: Über Jahre und Jahrzehnte blieb Noah aktiv und baute vom Rumpf bis zum Dach das wohl bekannteste Schiff; bis es fertig war. – Wie lange hält der Gläubige heute durch? Wann wird Glauben, Vertrauen zu viel?

Wartend – auf ein Wunder. Etwas nie Dagewesenes, Unglaubliches, ja augenscheinlich Unmögliches sollte geschehen. Dass die statistische Wahrscheinlichkeit recht niedrig ausfiel, hinderte Noah nicht, auf die Errettung zu warten. – Braucht der Gläubige heute Stochastik, um Sicherheit zu gewinnen?

Wartend – aber nicht ausruhend. Noah saß nicht gelangweilt im Wartezimmer, sondern arbeitete hart an der Arche, an seiner Errettung. – In der Kirchenbank sitzen und abwarten, was passiert? Das kann kein aktives christliches Leben sein.

„Mit Gott wandeln“, wie Noah es tat (1. Mose 6,9). Wie Noah warten, glauben, aktiv sein – auch das Unbegreifliche für wahr halten – ein Vorbild für Gläubige im 21. Jahrhundert. Denn: Die Zeit Noahs ist ein Bild für die Zeit vor der Wiederkunft des Gottessohnes, so wird Jesus Christus in seiner Rede über die Endzeit zitiert (Matthäus 24). – Willkommen in der Adventszeit 2018.



Foto: Jürgen Fälchle/fotolia

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Oliver Rütten
1.12.2018
Advent, Weihnachten, Gottesdienst