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Der Himmel fängt schon hier an

Oktober 22, 2026

Author: Tim Rosar

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Gemeinschaft ist Vielfalt. Und Einheit heißt nicht Einheitlichkeit. Doch manchmal treibt Andersartigkeit auch auseinander. Was dann hilft – Teil 3 des Stammapostel-Interviews.

Wie sehen Sie die Gemeinde der Zukunft?

Die Gemeinde der Zukunft, das ist für mich keine Frage der Größe oder der Struktur. Das ist eine Frage der Nähe. Ich wünsche mir Gemeinden, in denen Seelsorge Raum hat – wo man sich nicht nur sieht, sondern wirklich wahrnimmt. Wo Menschen kommen dürfen, wie sie sind, mit ihren Fragen, mit ihren Brüchen, und trotzdem wissen: Hier ist mein Platz. Wo es Nähe, Vertrauen, Beziehung und Liebe gibt. Denn das ist ja der Himmel, und auf den Himmel bereiten wir uns vor.

Ich stelle mir das gern als einen Tisch vor, an dem Platz ist für alle. Und alle heißt wirklich alle – die Großen und die Kleinen, die Starken und die Schwachen, die Aktiven und Inaktiven, die, die schon lange dabei sind, und die, die erst noch kommen werden. Und dieser Tisch ist ja nicht meiner. Ich lade niemanden ein. Ich sitze selbst da, weil einer mich eingeladen hat.

Was ist Kirche für Sie?

Kirche ist der Ort, an dem Christus das Zentrum ist, an dem Christus wirkt. Wo er in der Mitte ist, ist Kirche – auch wenn es nur zwei oder drei sind. Wo er nicht das Zentrum ist, da ist auch mit tausend Leuten keine Kirche.

Wo braucht die Kirche Kontinuität?

Beständigkeit heißt nicht, dass alles bleibt, wie es war. Beständigkeit heißt, dass das Entscheidende bleibt: die Lehre der Apostel, die Gemeinschaft, das Brotbrechen und das Gebet. Daran zu erinnern, ist Aufgabe des Apostolats. Das zu ermöglichen, ist Aufgabe der Kirche. Und das zu leben, ist Aufgabe von jedem, der Christus nachfolgt.

Und wo sollte die Kirche neue Wege gehen?

Wir sollten nie unsere Herkunft vergessen. Ich spreche oft davon, wie wichtig mir die Seelsorge ist. Da kommt unsere Kirche her, für mich ist sie aber genauso Zukunft. Vielleicht braucht es bei manchen Themen neue Wege, bei anderen ein Rückbesinnen auf das, was uns schon so weit getragen hat. In allem aber dürfen wir aus dem großen Reichtum unserer Vielfalt schöpfen: der Vielfalt der Kulturen, der Vielfalt an Erfahrung, der Vielfalt der Zugänge zum Glauben. Und damit bin ich wieder da, wo ich angefangen habe. Diese Vielfalt ist unser Reichtum – solange sie uns nicht auseinandertreibt.

Wo fällt Ihnen selbst das Aushalten von Andersartigkeit schwer?

Nicht bei den Unterschieden. Eine andere Tradition, eine andere Kultur, eine andere Art, Fragen zu stellen – das kann ich gut aushalten. Meistens lerne ich sogar davon. Schwer fällt es mir bei denen, die sich selbst in die Mitte stellen. Die immer recht haben müssen. Die keine Meinung neben der eigenen gelten lassen. Die reden, damit man sie hört, und nicht, weil sie etwas zu sagen haben. Und ich sage bewusst: Das ist keine Vielfalt. Das ist ihr Gegenteil.

Vielmehr sollte der Vorsatz sein: In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst. Das ist der Satz, an dem alles hängt. Wer das kann, muss den anderen nicht mehr aushalten. Er kann von ihm lernen; und er lässt ihm Platz. Das gilt auch und besonders für mich.

Wo erleben Sie diesen Himmel, von dem Sie vorhin gesprochen haben,  in der weltweiten Kirche schon heute?

Zuerst müssen wir klären, was mit Himmel gemeint sein mag. Ich meine nicht unbedingt einen Ort. Ich meine Beziehung. Nähe, Vertrauen, Liebe. Das ist Himmel. Und den erlebe ich schon jetzt.

Ich erlebe ihn in der Sakristei. Da sitze ich mit Geistlichen, die ich zum ersten Mal sehe. Wir kommen aus verschiedenen Ländern, wir sprechen verschiedene Sprachen, wir haben völlig verschiedene Leben. Und dann spüre ich: Wir lieben denselben Herrn und wir warten auf dasselbe. Dazu muss keiner etwas sagen. Es ist einfach da.

Ich erlebe diesen Himmel im Gottesdienst, wenn ich in die Gesichter schaue. Wildfremde Menschen, ich kenne keinen Namen. Und trotzdem denke ich: Das sind meine Brüder und Schwestern. Wir kennen uns nicht. Aber wir kennen uns von Herzen, und zwar schon lange.

Das ist der Himmel, von dem ich rede. Er ist nicht erst am Ende. Er fängt hier an.


Foto: Jens Lange

Oktober 22, 2026

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