Offen für andere, sicher im eigenen Glauben: Wie passt das zusammen? Und welche Rolle spielt die Wiederkunft Christi dabei? – Teil 5 des Interviews mit Stammapostel Helge Mutschler.
Welche Bedeutung hat der ökumenische Dialog für Sie?
Der Austausch ist mir wichtig. Und zwar aus einem theologischen Grund, nicht aus einem strategischen. Wir bekennen eine Kirche. Eine! Weil wir einen Gott bekennen. Und diese eine Kirche ist größer als die Neuapostolische Kirche. Wo rite getaufte Menschen Jesus Christus als ihren Herrn bekennen, wo sie ihm nachfolgen, wo sie ihren Nächsten lieben, da ist Kirche Christi. Das sagt unser Katechismus ausdrücklich. Und derselbe Katechismus sagt das andere: Am deutlichsten tritt die Kirche Christi dort zutage, wo das Apostelamt wirkt, wo die Sakramente gespendet werden, wo das Wort recht verkündigt wird. Beides steht da. Und beides muss stehen bleiben.
Ich weiß, dass das unterschiedlich empfunden wird. Für die einen ist der Dialog eine Selbstverständlichkeit. Andere sind vorsichtiger und fragen: Verlieren wir dabei nicht, was uns anvertraut ist? Ich nehme beide Anliegen ernst. Und ich glaube, es ist keine Frage des Entweder-oder. Unser Katechismus hat dafür eine gute Formel. Er sagt: offen, unter Wahrung des eigenen Selbstverständnisses. Das heißt für mich: Ich gehe in ein Gespräch nicht hinein, um mich anzugleichen. Ich gehe hinein, weil ich etwas zu hören habe. Und weil ich etwas zu sagen habe. Wer sich selbst nicht mehr kennt, bringt am Ende nichts mit.
Welche Themen möchten Sie vor allem einbringen?
Mir liegt daran, dass in der Ökumene auch die apostolische Stimme erklingt. Nicht laut, nicht belehrend, aber hörbar. Wir haben etwas beizutragen, und wir sollten es beitragen. Vor allem eines: die Wiederkunft Christi. Das ist der Kern unserer Hoffnung, und wir sprechen davon in jedem Gottesdienst. Ich habe den Eindruck, dass dieses Thema in vielen Kirchen leiser geworden ist. Dabei steht es im Zentrum des Neuen Testaments, und es steht in jedem christlichen Glaubensbekenntnis. Darüber möchte ich reden. Nicht, um jemanden zu belehren. Sondern weil ich glaube, dass diese Hoffnung allen guttut – auch denen, die sie gerade nicht so laut aussprechen.
Als Bezirksapostelhelfer waren Sie auch für Russland und Zentralasien zuständig. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Vor allem eine Erfahrung: Ich weiß jetzt, was es heißt, als Christ oder allgemeiner als gläubiger Mensch in der Minderheit zu sein. Denn das ist ein Punkt, den man leicht übersieht: Die größte Gruppe sind vielerorts nicht die Gläubigen anderer Konfessionen oder Religionen. Es sind die, die überhaupt nicht glauben. Wer in einem solchen Umfeld lebt, kann seinen Glauben nicht voraussetzen. Er muss ihn erklären. Immer wieder und meistens, ohne dass jemand danach gefragt hätte. Das ist anstrengend. Aber ich habe beobachtet: Es macht den Glauben nicht schwächer. Es macht ihn klarer. Wer sich ständig erklären muss, weiß nach einiger Zeit sehr genau, woran er glaubt und warum. Wo Glaube selbstverständlich erscheint, verliert sich das manchmal. Das nehme ich mit.
In Europa geht die Entwicklung in eine ähnliche Richtung …
Ja, auch in Deutschland sind wir längst eine Minderheit. Nicht nur wir als Neuapostolische Kirche, sondern die aktiven Christen insgesamt. Was für unsere Geschwister im Osten Alltag war, wird hier gerade zur Wirklichkeit. Und da liegt für mich der Berührungspunkt. Nicht in erster Linie zwischen unseren Lehren, sondern in der Lage, in der wir uns gemeinsam befinden. Die Frage ist: Wie halten wir den Glauben lebendig in einer Umgebung, die nicht mehr danach fragt?
Foto: Marcel Felde