Die Lehre schärfen, die Geistlichen besser vorbereiten und als Kirchenleitung neu zusammenfinden: In Teil 4 des Interviews erklärt der Stammapostel, wo er ansetzen.
Wie verstehen Sie Ihre Amtsführung?
Meine Amtsführung muss ich nicht neu erfinden, sie ist im Katechismus schon beschrieben. Der Dienst des Stammapostels hat zwei Seiten, und die gehören zusammen. Die eine zeigt auf die Lehre: sie rein halten, sie weiterentwickeln, neue Erkenntnisse erschließen und dafür sorgen, dass das Glaubenszeugnis überall dasselbe ist. Die andere zeigt auf die Menschen: die Geistlichen stärken, die Herde weiden, für das Einssein wirken. Beides gehört zusammen. Eine Lehre, die niemanden stärkt, ist Theorie. Und eine Seelsorge ohne klare Lehre hat am Ende nichts anzubieten.
Sie haben angekündigt, das theologische Profil der Kirche schärfen zu wollen. Was verstehen Sie darunter?
Dazu gehören zwei Dinge, die zusammenhängen. Das eine ist die Überarbeitung des Katechismus. Der Katechismus ist ein außerordentlich wichtiges Dokument. Er ist die verbindliche Grundlage unserer Lehre, und er bleibt es. Wir werden nur ändern, was wirklich geändert werden muss. Warum überhaupt? Weil Erkenntnis wächst. Weil wir manches heute klarer sehen als bei der Erstellung. Und weil Sprache sich verändert – ein Satz, der vor fünfzehn Jahren eindeutig war, kann heute anders gehört werden. Solche Stellen wollen wir schärfen. Was sich nicht ändert, ist die Lehre selbst.
Das andere ist die Aus- und Fortbildung unserer Geistlichen. Denn Lehre wird nicht im Buch wirksam. Sie wird dort wirksam, wo einer vorne steht und predigt. Wir erwarten von Geistlichen, dass sie rechte Wortverkündigung üben. Und wir haben lange vorausgesetzt, dass sie das irgendwie können. Ich möchte, dass wir sie besser darauf vorbereiten.
Neben den inhaltlichen Themen gibt es auch organisatorische Aufgaben. Wo sehen Sie dort Entwicklungsmöglichkeiten?
Wir werden unsere Arbeitsgruppen internationaler besetzen, damit nicht immer dieselben Weltgegenden das Wort führen. Und in der Verwaltung, in den Finanzen, in der Kommunikation und im Kirchenrecht können wir besser werden. Das ist nicht das Herz der Sache. Aber ohne diese Dinge kommt das Herz nicht weit.
In den letzten Jahren wechselten fast alle Bezirksapostelbereiche ihre Leitung, nun auch die internationale Kirche. Welcher Herausforderung steht sie jetzt gegenüber?
Das stimmt. Wenn ich die Situation heute mit meiner ersten Bezirksapostelversammlung 2021 vergleiche: Von den Teilnehmern, die damals wegen der Pandemie digital am Tisch saßen, sind heute 16 im Ruhestand; der Stammapostel eingeschlossen. Und damit ist die größte Herausforderung auch schon benannt: die Einheit der Kirche. Denn ein Bezirksapostel führt seinen Bereich auch aus dem, was er gelernt hat, was er erlebt hat, was ihn geprägt hat. Wenn fast alle neu sind, dann sitzen dort auch neue Prägungen am Tisch. Das ist ein Reichtum, es ist aber auch eine Aufgabe. Wir müssen jetzt neu zusammenfinden – nicht auf dem Papier, sondern wirklich.
Vielfalt ist mir unglaublich wichtig, aber niemals auf Kosten des anderen. Genau darum bittet Jesus seinen Vater in Johannes 17: um Einheit, um Liebe, um Verbundenheit unter den Gläubigen – damit die Welt daran Gottes Liebe erkennen kann. Das ist keine Verwaltungsfrage. Das ist der Kern.
Sie sagten, es gehe Ihnen nicht darum, es jemandem rechtzumachen, sondern um Wahrheit und Klarheit. Können Sie dafür konkrete Beispiele nennen?
Wer es allen recht machen will, sagt am Ende nichts mehr. Ein Beispiel: Wenn jemand fragt, ob Gott sein Leid gewollt hat, dann kann ich nicht sagen: „Das hat schon irgendwie seinen Sinn.“ Das wäre bequem. Ich kann allenfalls sagen: „Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Gott dich nicht verlässt. Und ich bete für dich.“ Das ist nicht so einfach. Aber es ist die Wahrheit.
Ein zweites: Wenn in einer Gemeinde etwas schiefläuft – wenn zwei zerstritten sind, wenn ein Geistlicher verletzt hat, wenn eine Entscheidung Unfrieden gestiftet hat –, dann gibt es immer die bequemere Möglichkeit: Man deckt es mit dem Mantel der Liebe zu. Man kehrt es unter den Teppich. Und alle sind erleichtert, weil das unangenehme Gespräch ausbleibt. Nur: Unter dem Teppich verschwindet nichts. Es bleibt liegen. Und man stolpert noch Jahre später immer wieder darüber.
Welche Herausforderung sehen Sie für die Verkündigung des Evangeliums in den kommenden Jahren?
Sie liegt darin, ob wir wirklich noch Wahrheit und Klarheit verkündigen. Denn das Evangelium ist an manchen Stellen unbequem. Es sagt mir, dass ich Vergebung nötig habe. Es sagt mir, dass ich mich nicht selbst erlösen kann. Es sagt mir, dass mein Leben auf ein Ziel zuläuft, das ich mir nicht selbst setze. Und dann sagt es mir das Größte: Christus ist für mich gestorben. Er ist auferstanden. Er ist aufgefahren. Er kommt wieder. Das ist keine unbequeme Wahrheit. Das ist die frohe Botschaft. Wahrheit heißt: Ich sage das Ganze. Auch das, was mich selbst trifft. Klarheit heißt: Ich sage es so, dass man es versteht. Und Liebe heißt nicht, dass ich das Unangenehme weglasse. Liebe heißt, dass ich die ganze frohe Botschaft verkündige.
Foto: NAK Westdeutschland