Laufen aus Liebe zum Nächsten

Sie heißen Max und Olga. Sie sind 11 und 87 Jahre alt. Und sie verbindet mehr als eine gemeinsame Sache: Zusammen mit anderen Mitgliedern ihrer neuapostolischen Gemeinde nehmen sie jedes Jahr an einer Aktion teil, die Menschenleben rettet. Aber nicht nur das.

Alles begann 2006, als die Kirchengemeinde Weingarten (Süddeutschland) ihr 75-jähriges Bestehen feierte. Zu diesem besonderen Anlass hatten die Organisatoren ein Programm mit vielen Aktivitäten aufgestellt, darunter auch ein Benefiz-Konzert zugunsten von blut.eV, dem Verein „Bürger für Leukämie und Tumorerkrankte“. 2007 beteiligten sich die Geschwister der Gemeinde Weingarten zum ersten Mal am „Lebenslauf“ von blut.eV. Und seitdem jedes Jahr.

„Lebenslauf“ – laufen für Leben

Immer dann, wenn ein Mensch an Leukämie erkrankt, veranlasst blut.eV Typisierungsaktionen, um neue Stammzellenspender zu finden. Die Kosten für diese Typisierungen können zum Teil durch den „Lebenslauf“ getragen werden.

Jeder teilnehmende Läufer hat einen Sponsor, der ihm pro Runde (1,3 Kilometer) einen bestimmten Geldbetrag zugesagt hat. Je größer die Zahl der Teilnehmer ist und je mehr Runden gelaufen werden, desto höher ist die Spende an blut.eV.

Engagement mit Zulauf

„Anfänglich waren es nur wenige Brüder und Schwestern aus der Gemeinde Weingarten, die mitgelaufen sind“, berichtet Evangelist Gerhard Schmitt, Vorsteher der Gemeinde. „Doch aufgrund der Internetberichte haben sich immer mehr Geschwister aus dem Kirchenbezirk Bruchsal und umliegender Gemeinden angemeldet. Kinder, Jugendliche und Erwachsene in jeder Altersgruppe bis hin zu den über Achtzigjährigen haben sich daran beteiligt.“

Einer, der von Anfang an dabei ist, ist Priester Frank Rottach. „Seit 2007 nehme ich mit meiner Familie am ,Lebenslauf‘ teil“, berichtet der 53-Jährige. „Wie wichtig diese Aktion von blut.eV ist, wurde uns bewusst, als ein Amtsbruder in der Nachbargemeinde an Leukämie erkrankte“.

Auch Luisa, seine Tochter, nimmt regelmäßig am „Lebenslauf“ teil. „Beruflich habe ich mit Kindern zu tun“, so die 22-Jährige, „ich weiß, dass auch die Kleinsten von Leukämie nicht verschont bleiben. Den leidenden Kindern und den davon betroffenen Eltern durch meine Teilnahme am ,Lebenslauf‘ einen Hoffnungsschimmer zu schenken, ist für mich gelebte Nächstenliebe“.

Ein T-Shirt weckt Interesse

„Für den jährlich stattfindenden ,Lebenslauf‘ haben wir T-Shirts mit dem Aufdruck ,NAK läuft‘ angeschafft“, erklärt uns Evangelist Schmitt. „Mehrfach hat ,NAK läuft‘ die größte Läufergruppe gestellt und dank unermüdlicher Teilnehmer oft auch die Gruppe mit den meisten Runden.“ Das Motto „NAK läuft …“ habe viele Menschen neugierig gemacht und manches Gespräch angestoßen.

„In all den Jahren konnten durch die Unterstützung des Missionswerks der NAK Süddeutschland – heute „human aktiv“ – an blut.eV beachtliche Geldspenden übergeben werden.“ Für die Weingartener Geschwister sei der ,Lebenslauf‘ zur Herzenssache geworden. Das Bewusstsein, etwas Gutes für den Nächsten, den Nachbarn, den Mitbürger und auch für unbekannte Menschen zu tun, erfülle sie mit Freude. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit der Gemeinde.

Gelebte Nächstenliebe auch gegenüber Flüchtlingen

Aufgrund der politischen Ereignisse in der ehemaligen DDR kamen im Herbst 1989 nach der Maueröffnung viele Flüchtlinge nach Westdeutschland, darunter auch Vietnamesen, die sich in Ostdeutschland als Gastarbeiter aufhielten. So erhielt auch die politische Gemeinde Weingarten „Zuteilung“, in diesem Fall Vietnamesen. Die Unterbringung der Neuankömmlinge erfolgte am 19. April 1990 im Haus der Arbeiterwohlfahrt.

Thi Hop Löffler, gebürtige Vietnamesin und seit vielen Jahren in Deutschland verheiratet, las im „Durlacher Blättle“ von dieser Aktion. Da es sich bei diesen Menschen um ihre Landsleute handelte, wurde sie aktiv und setzte sich mit dem damaligen Vorsteher der Gemeinde Weingarten in Verbindung.

Die Folge: Es wurden in Weingarten Gottesdienste mit Übersetzung in die vietnamesische Sprache angeboten; am 17. Juni 1990 fand der erste dieser Gottesdienste statt. Übersetzerin war Thi Hop Löffler. Schon im Oktober 1990 konnten drei vietnamesische Familien getauft und aufgenommen, im Dezember dann von Bezirksapostel Klaus Saur in der Gemeinde Karlsruhe-Neureut versiegelt werden.

Die „Weingartener“ unterstützten ihre vietnamesischen Geschwister, wo sie nur konnten. Sie halfen bei der Beschaffung von Kleidung und Hausrat, begleiteten sie bei Arztbesuchen und Behördengängen, die Jugendlichen der Gemeinde erteilten kombinierten Deutsch- und Religionsunterricht. Als im März 1991 eine Gesetzesänderung erfolgte und die Asylbewerber fortan arbeiten durften, hatten die Weingartener Glaubensgeschwister schon Arbeitsplätze für sie ausfindig gemacht.

Inzwischen hat die „Vietnamesische Gemeinde Weingarten“ ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. Im Verlauf seiner Predigt betonte Apostel Herbert Bansbach, dass bei der Gründung der vietnamesischen Gemeinde in der Kirchengemeinde Weingarten zwei unterschiedliche Kulturen aufeinandergetroffen seien. Die Frage, welche Kultur sich nun welcher anpassen müsse, habe sich dabei nie gestellt, weil beide Gemeinden Jesus Christus in ihre Mitte genommen und auf ihn geblickt hätten.

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Danièle Idler
8.09.2018
Soziales Engagement, Gemeindeleben